Carolyn Christov-Bakargiev in Hamburg
Was wir von Hunden lernen können
Die Chefin der kommenden Documenta, Carolyn Christov-Bakargiev, hat am Donnerstag in der Hamburger Hochschule für bildende Künste einen Vortrag gehalten: Eine fordernde, intellektuelle Achterbahnfahrt durch Zeiten und Sparten
Der Mensch, das haben Untersuchungen erwiesen, verlernt zunehmend, in Gesichtern zu lesen. Hunde können das noch, denn sie sitzen nicht ständig vor Computerbildschirmen. Das Gesicht der Direktorin der kommenden Documenta, Carolyn Christov-Bakargiev, ist aber selbst für Versager auf dem Gebiet facial expressions als heiter zu erkennen. Eine konzentrierte Enthusiastin steht vor rund 250 Gästen in der Aula der Hamburger Hochschule für bildende Künste (HfbK) - und kündigt an, nicht über die 13. Ausgabe der Kasseler Documenta und den kommenden Sommer sprechen zu wollen.
Was sie dann natürlich trotzdem macht, aber in den ihr eigenen Assoziationsschleifen. Eine Preisgabe von Künstlernamen war nicht zu erwarten. Christov-Bakargiev legt auf die Geheimhaltung der Künstlerliste vor Eröffnung der Schau im nächsten Juni sehr großen Wert. Sie ist die zweite Frau an der Spitze der Documenta seit 1955 („Ich habe die Statistik verdoppelt!“). Ihr Kommunikationsteam wechselte kürzlich bereits zum zweiten Mal (wir berichteten in Monopol 11/2011). Ihre Begeisterungsfähigkeit ist verschwenderisch, der rund einstündige Vortrag ist eine fordernde, intellektuelle Achterbahnfahrt durch Zeiten und Sparten: Von den Protesten in Kairo über die Trauma-Theorie von Freud, über Hunde (im Frühjahr verunsicherte die Documenta-Leiterin die Fachwelt mit einem Hundekalender, den sie gut gelaunt verschickte) zu den zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan. Oder vielmehr: dem Geröll, das davon übriggeblieben ist.
Bakargievs Stil: das Lose, Ungefähre
Die italienisch-bulgarischstämmige Direktorin mit US-Pass interessiert sich für Verhaltensforschung, Alchemie, Gentechnik – rund 100 Themen werden im Vorfeld der Documenta bereits in einer Reihe von 100 Heften erörtert. 100 Autoren hat sie mit diesen sogenannten „Notizen“ beauftragt, ein Drittel ist bereits im Verlag Hatje Cantz erschienen. Es sind lose Textsammlungen, nach persönlichem Gusto des Verfassers editiert – Künstler, Wissenschaftler, Dichter sind unter den Autoren.
Das Lose, Ungefähre, das Vielleicht kennzeichnet Bakargievs Stil schon jetzt: „Maybe education“ wird das Bildungsprogramm heißen, bei dem Bewohner Kassels als Documenta-Guides zum Einsatz kommen werden. Ist das taktische Vermeidung von Eindeutigkeit? Wer Christov-Bakargiev erlebt, kann sich kaum vorstellen, dass sie ausweicht. Eher ist es ein Misstrauen gegen absolute Wahrheiten, das aus den Vorarbeiten zur größten Ausstellung des kommenden Jahres spricht.
Wie finden Sie Kassel?
„Wie finden Sie Kassel?“ fragte HfbK-Dekan Martin Köttering zum Abschluss des Abends, in Erwartung ausweichender Höflichkeiten. „Amazing“ lautete die wiederum enthusiastische Antwort, es folgt eine lange Aufzählung von Sehenswürdigkeiten und historischen Schätzen der Stadt, die selbst den Bürgermeister verblüffen würde. Doch dann überlegt die Documenta-Leiterin kurz und merkt an: „Andererseits finde ich tatsächlich so ziemlich alles amazing.“ Man hatte es sich fast schon gedacht.




