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Saatchi zeigt "Neue Kunst aus Deutschland"

Zeitgeist, Blitzkrieg, Gesamtkunstwerk

Wie steht es um die Idee vom Gesamtkunstwerk in Deutschland? Die Londoner Saatchi Gallery verspricht eine Antwort, was sich aber schnell als Bluff herausstellt

01.12.2011

In seinem semi-fiktionalen Roman „Kosmas“ vergleicht Wolfgang Müller die Strategie des Werbemoguls Charles Saatchi im Bereich der Kunst mit dem Marketing für eine Joghurt-Kampagne: Ein Produkt müsse nur im richtigen Kontext präsentiert werden und schon hätte man eine „Aura und ihr mysteriöses Strahlen“ generiert. Ob Joghurt oder Kunstwerk – Werbetraumformeln funktionieren hier wie dort.

Müllers Annahme wird nun leider bestätigt auf Kosten von 24 Künstlern, die aus Deutschland kommen oder hier arbeiten. Die Herbstausstellung in der Londoner Saatchi Gallery zeigt „Gesamtkunstwerk: New Art From Germany“ – ein Titel, der spektakuläre Entdeckungen ankündigt und mit fremdsprachlichen Klängen und hohem Widererkennungswert lockt: Neben „Zeitgeist“, „Blitzkrieg“ und „Angst“ gehört das „Gesamtkunstwerk“ doch zu den wenigen Begriffen, die über die deutschen Sprachgrenzen hinaus bekannt sind – nur was sie bedeuten, vermag zumindest bei Saatchi niemand so recht zu sagen.

Massen strömen also zum herrschaftlichen Anwesen des Herzogs von York, wo die Saatchi Gallery seit 2008 residiert, um eine Antwort auf die Frage zu finden: Wie sieht das neue Gesamtkunstwerk aus Deutschland aus?

Die Ausstellung auf 6500 Quadratmetern bleibt ihnen diese Antwort jedoch schuldig – oder schlimmer – suggeriert, dass Spiegel und nackte Frauen (Jeppe Heins „Mirror Wall“, 2010 und Georg Herolds langbeinige Skulptur „Untitled“, 2010), Filmstills und Guckkästen (Julian Rosefelds „Soap Sample V“, 2000/1 und Josephine Mecksepers „Blow up“, 2006), matte Landschaften und abstrakte Gotikskulpturen (Stefan Kürtens Ölgemälde „Heartbeat“, 2004/5 und Thomas Helbigs „Jungfrau“, 2005) ein wie auch immer geartetes „allumfassendes und einzigartiges Genre“ konstituieren.

Auch der Ankündigung einer „neuen Kunst aus Deutschland“ wird hier nichts gerecht: Jutta Koether, Isa Genzken, Gert und Uwe Tobias, Thomas Kiesewetter, Corinne Wasmuht – sie alle sitzen schon seit geraumer Zeit mit Galeristen und Museumsdirektoren an einem Stammtisch. Ein Gesamtkunstwerk? Das ist die Ausstellung eher nicht. Musealer Bluff, vielleicht.

Saatchi Gallery, London, bis 30. April 2012