Reviews

Christopher Williams in Leverkusen

Lektionen aus der Dunkelkammer

Christopher Williams erinnert sich auf Schloss Morsbroich an die Anfänge der Konzeptkunst

von Alexandra Wach
23.01.2012
Christopher Williams "Kodak Three Point Reflection Guide, © 1968 Eastman Kodak Company, 1968.  (Meiko laughing)  Vancouver, B.C. April 6, 2005", 2005, Courtesy Galerie Gisela Capitain, Kölnzur Bilderstrecke
Christopher Williams "Kodak Three Point Reflection Guide, © 1968 Eastman Kodak Company, 1968. (Meiko laughing) Vancouver, B.C. April 6, 2005", 2005, Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln

Das Faltblatt sollte man diesmal nicht links liegen lassen. Mit den akribisch aufgelisteten Informationen zu den 23 gezeigten Arbeiten dient es als Entree in eine Gedankenwelt, die von Verweisen, Assoziationen und subtilen Kontextverschiebungen nur so wimmelt. Christopher Williams, geboren 1956 in Los Angeles, hat 2008 die Becher-Klasse an der Düsseldorfer Kunstakademie übernommen - angesichts der Objektive und von der Digitaltechnik bedrohten Dunkelkammern, die seine Bildwelt bevölkern, eine logische Entscheidung, handelt es sich bei dem Amerikaner doch um jemanden, der geradezu manisch die Konventionen seiner Disziplin erforscht.

Die Herstellung der makellos aufgezogenen Bilder überlässt er allerdings Werbefotografen. Der Fotograf lässt fotografieren, frei nach dem Motto: Das Konzept bin ich! Kein Wunder, dass er die Beantwortung der Frage nach der Autorschaft in der penetranten Infozeile verweigert: „Photography by the Douglas M. Parker Studio, Glendale, California“.

An Anleihen aus Werbung oder Film herrscht ohnehin kein Mangel. Gleich im ersten Raum liegen sie hinter einer eingestellten Wand in Vitrinen: Unter den Archivstücken finden sich Entwürfe zu Kollaborationen, Biografien von Hollywood-Regisseuren, aber auch aktuelle Flugblätter, die auf die Kürzungen im niederländischen Kulturetat verweisen.

Es ist immer wieder erstaunlich, wenn hinter den an der Reklamesprache orientierten Bildausschnitten plötzlich ein politischer Subtext auftaucht, wie im Falle des französischen Autoreifens, dessen Material mitten im Kalten Krieg aus Vietnam importiert wurde, oder dem angeschnittenen Körper des schwarzen Fotografen Mustafa Kinte, der wie selbstverständlich für einen Maßhemdhersteller posiert.
Die Sozialisation als Schüler von John Baldessari ist den neusachlichen Studiofotografien in allen Windungen ihrer Konzeptschleifen anzumerken. Es geht immer noch um die Frage, wie unsere Vorstellung von Realität zustande kommt, wie sich ihre historische und kulturelle Bedingtheit hinter der gewählten Präsentationsform dechiffrieren lässt. Die Dinge verraten ihre Geschichte erst auf den zweiten Blick. Die Welt der glänzenden Oberflächen ist voller Subtexte, besänftigt aber mitunter auch dank eines fein dosierten Humors, wenn Williams die dokumentarische Sprache von Bernd und Hilla Becher mit einem einsam in der Landschaft ausharrenden Strohschober perfekt parodiert.

Hommage an die erste europäische Konzeptkunstschau
Die von Stefanie Kreuzer mit Sinn für die architektonische Raffinesse des Hauses kuratierte Schau ist die Fortführung eines 2005 begonnenen Projekts, das seinen Titel - „ Die industrielle Gesellschaft: 18 Lektionen“ - einem Buch des Philosophen Raymond Aron verdankt und jeweils in anderer Zusammensetzung in zahlreichen Museen Station gemacht hat. Die gelbe Farbe des Prospektpapiers ist natürlich nicht zufällig gewählt. Ihre Strahlkraft lernt man am Ende der langen Sichtachsen kennen, wenn sie in dem Handtuch auftaucht, das den Kopf eines lachenden Models bedeckt, oder schon aus der Ferne auf ein Postpaket verweist, das durch sein Corporate Design von der Expansionslust der heute global agierenden Traditionsunternehmen erzählt.

Das Gelb sollte vor allem aber als Hommage an die erste Konzeptkunstschau in Europa gelesen werden, die 1969 just im Museum Morsbroich stattfand. Den Katalog ersetzte ein gelbes Heft, auf dem der Titel „Konzeption“ zur gedanklichen Vertiefung einlud.

Eine Generation später hallt der didaktische Ernst nur noch als fernes Echo nach. Williams erweist sich vor der Folie des barocken Überschwangs als ein Meister des Understatements. Mehr als drei Motiven gibt er in den Kabinetten keine Chance. Sie sind alle in das minimalistische Weiß des White Cube getaucht, das den Blick nicht selten wissensdurstig ins Leere zur stuckverzierten Decke schweifen lässt. Die Zumutung der nicht abreißenden Lektionen lässt man sich trotzdem gerne bieten, zumal sich die neuesten Arbeiten, passend zur Äpfelfarm in der Nachbarschaft, botanischer Motive annehmen und puren Optimismus verbreiten. Sinnlicher lässt sich die von der Konzeptkunst der ersten Stunde eingeforderte Institutionskritik nicht artikulieren.

Museum Morsbroich, Leverkusen, bis 12. Februar 2012