Interpol

Bruce Nauman wird 70

Bruce allmächtig

Hase und Igel in Personalunion: Bruce Nauman wird 70 Jahre alt. Annäherungen von Damien Hirst, Peter Schjeldahl, Dan Graham und Kasper König

06.12.2011
Auf das Geburtstagskind: Bruce Nauman 2006 in Düsseldorf (Foto: dpa)
Auf das Geburtstagskind: Bruce Nauman 2006 in Düsseldorf (Foto: dpa)

Nauman und die Happy Mondays
von Damien Hirst

1987 habe ich noch studiert und ging eines Tages in eine Ausstellung von Bruce Nauman in der Londoner Whitechapel Gallery. Ich weiß noch genau, wie sehr die Schau mich damals umgehauen hat. Meine Arbeiten sind sehr beeinflusst vom amerikanischen Minimalismus, Judd, LeWitt, Andre und so weiter. Alles ziemlich kalte, zerebrale und unpersönliche Kunst. Und dann sah ich Nauman, der mit der gleichen visuellen Sprache arbeitete, aber dabei das Menschliche zurückbrachte.

Ich erinnere mich noch an das Gefühl, in die Arbeit mit dem doppelten Käfig zu laufen, den „Double Steel Cage“. Von außen sieht die Skulptur ganz einfach aus, aber drinnen bleibt man stecken und bekommt Panik, weil man nicht mehr herausfindet. Purer menschlicher Horror, erweckt durch eine einfache minimalis­tische Geste. Das war für mich damals eine Offenbarung.

Nauman ist ein Meister der visuellen Sprache. Seine Arbeiten sind immer komplex und einfach zugleich. Das Wichtigste, das ich von ihm gelernt habe, ist die Erkenntnis, dass jede einzelne Arbeit, die man macht, in jeder Hinsicht vollendet sein muss. Das hat nichts damit zu tun, dass ein Kunstwerk von seiner Bedeutung her nicht offen oder die materielle Ausführung nicht unfertig sein darf.

Eine gute Arbeit muss unter ihren ganz eigenen Bedingungen radikal ihr eigenes Ziel verfolgen. Alles, was sich nicht der einen Idee unterordnen lässt, hat wegzufallen, sodass nur das Allernötigste übrig bleibt. Man muss als Künstler eine ganz klare Botschaft haben, selbst wenn es um komplexe Fragestellungen oder Widersprüche geht. Das ist für mich das Schwierigste und Erstrebenswerteste zugleich. Niemand beherrscht diese Kunst so wie Nauman. Ohne sein Vorbild wären meine stärksten Arbeiten wie „A Thousand Years“ nie entstanden.

Naumans Werk ist nicht nur faszinierend wegen seiner visuellen Überzeugungskraft, sondern auch, weil er seine Ideen von überall her zu beziehen scheint. Nichts ist ihm zu abwegig oder verrückt genug. Man denke nur an seine Videoinstallation „Learned Helplessless in Rats“. Die Aufnahmen von umherirrenden Laborratten, versetzt mit denen eines verrückt trommelnden Teen­agers, lassen niemanden kalt. Vor allem nicht, wenn man in dem undurchschaubaren Versuchslabor plötzlich fragmentarische Aufnahmen seiner selbst entdeckt. Gibt es eine bessere Metapher für unsere derzeitige Conditio humana?

Ich hab’ mal eine ganze Nacht mit der Band Happy Mondays durchgefeiert – die Jungs sind aus Manchester und halten eigentlich nicht viel von Kunst. Am Morgen hab’ ich dann darauf bestanden, dass sie mit mir in die Hayward Gallery kommen und sich die Nauman-Ausstellung angucken. Erst haben sie mich beschimpft, dann sind sie durch die Videoinstallationen getobt wie kleine Kinder. Bruce Nauman hat sogar die Happy Mondays überzeugt.

Damien Hirst ist Künstler und lebt in Devon, South West England


Nauman und das Handwerk
von Peter Schjeldahl

Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal steckte Bruce fest. Ihm schienen die Ideen ausgegangen zu sein. In Pasadena war das, 1978. Wir sahen uns oft, als ich in Los Angeles lebte. Pflichtbewusst wie ein Arbeitnehmer ging Bruce trotzdem jeden Morgen in sein Atelier, unter seinem Arm eine Thermosflasche voll Kaffee. Um sich beschäftigt zu halten, hatte er sich eine Ausrüstung besorgt, mit der er aufklappbare Taschenmesser herstellte. Blöcke aus Nickel- und Edelstahl für Klingen und Schäfte waren darunter und Knochen für die Griffe. Ein befreundeter Sattler versorgte ihn mit Messerhalftern, die mit einer Lasche geschlossen wurden. (Wenn man eines der Messer in sein Halfter steckte, machte es ein leises, angenehmes Geräusch, so passgerecht war es geformt.)

Die Messer, die er herstellte, schenkte Bruce seinen Freunden. Wenn sie gelobt wurden, erklärte er vorsichtig, er sei lediglich ein Amateur auf einem Feld, in dem es wirkliche Meister gebe, die er verehrte.

Ich bekam die Gelegenheit, einige dieser Meister zu beobachten, als mich Bruce und sein Freund Richard Jackson zu einer regionalen Messe für Messer und Schusswaffen mitnahmen. Die Messermacher stellten ihre Waren auf Tischen aus. Als ein schlanker, dunkler und recht junger Mann eintrat, ging eine Welle der Begeisterung durch den Raum. Der Mann, ein Meister unter Meistern, nahm ein in Samt eingeschlagenes Bündel aus seiner Tasche und schlug es auf: Es beinhaltete ein paar kleine, fast zierlich wirkende zugeklappte Messer.

Bruce und die anderen versammelten sich in einem Kreis, um sie zu inspizieren. Er stellte dem Messermacher Fragen, die klangen, als würde ein normaler Bürger zu einem Aristokraten sprechen. Die Antworten waren kühl und herablassend. Irgendjemand in meiner Nähe fragte seinen Nachbarn: „Weißt du, was er für so ein Messer bekommt?“ „Nein, wie viel?“ „200 Dollar!“ Immer wenn ich daran denke, was Bruce als Künstler ausmacht, fallen mir solche Szenen ein. Szenen und Situationen, in denen jemand, der sein Handwerk überragend beherrschte – sei es ein Jäger, ein Pferdetrainer oder ein Tierpräparator –, die Begeisterung von Bruce entfachte. Die Begeisterung für eine Tätigkeit, die nichts und zugleich alles mit Kunst zu tun hat.

Peter Schjeldahl ist Chefkunstkritiker des „New Yorker“




Nauman und die Quellen
von Dan Graham

Bruce Nauman ist schüchtern, ich habe ihn nie persönlich kennengelernt. Aber ich habe ihn studiert. Nur wenige Leute wissen, dass er, bevor er auf die University of California in San Francisco ging, Musik, Physik und Philosophie in Wisconsin studiert hatte. Eine Tatsache, die absolut grundlegend für das Verständnis seines Werks ist. Philosophische und wissenschaftliche Fragestellungen findet man noch heute in allen Arbeiten von ihm, etwa die Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins, die seine auf Text basierenden Arbeiten wie „A Rose Has No Teeth (Lead Tree Plaque)“ (1966) stark beeinflusst hat.

Von Beckett hat er viel über das Absurde gelernt und ihm einige seiner frühen Videoarbeiten gewidmet – überhaupt hatte Literatur in den 60er-Jahren einen großen Einfluss auf die Kunst. Alle wichtigen Künstler dieser Generation, die ich kenne, wollten ursprünglich Schriftsteller werden, zumindest alle, dich ich persönlich kenne. Ob das auch für Nauman galt? Ich weiß es nicht. Sicher ist, dass er sich sehr für Physik interessierte. In den 60ern besuchte er zum Beispiel die offenen Vorlesungen Richard Feynmans – ein großer Physiker und Bongospieler.

Wie bei vielen Prozesskünstlern ist die Erdanziehungskraft ein sehr wichtiger Faktor in Naumans Werk. Sie beschäftigt ihn nicht nur in seinen Latexskulpturen, die ja von der Schwerkraft geformt sind, sondern auch in seinen performativen Arbeiten. Nauman besuchte den legendären Dance-Workshop von Anna Halprin in San Francisco – eine der Wiegen der amerikanischen Avantgarde, der wir die Idee des Körpers als Material zu verdanken haben, aber auch einen neuen Fokus auf die zeitliche Dimension der Kunst.

Von Soundkünstlern wie Steve Reich, La Monte Young und Terry Riley, die auch bei Halprin studierten, lernte Nauman, das unmittelbare Jetzt der Minimal Art abzulegen und sich auf einen zeitlichen Ablauf, einen Prozess, einzulassen. Es kann aber auch sein, dass die Idee einer ausgedehnten Gegenwart eher mit dem starken Marihuanakonsum in den 60ern zu tun hatte.

Ein vielleicht noch viel wichtigerer Einfluss kam von Künstlerinnen wie Simone Forti und Meredith Monk, die mit Bewegung und der Schwerkraft des Körpers experimentierten. 1969 sah ich Bruce Nauman zusammen mit seiner damaligen Frau Judy und Meredith Monk in einer Performance im Whitney Museum, die daraus bestand, dass die drei sich wiederholt in rhythmischen Abständen und mit voller Wucht in die Ecken des Ausstellungsraums fallen ließen. Ihre Körper fingen dabei an, je nach Größe unterschiedlich, zu vibrieren. Eine fantastische Arbeit.

Naumans beste Arbeiten sind eigentlich die, die nicht mehr in Museen zu sehen sind. Eine hat mich besonders beeindruckt: Als er nach Los Angeles zog, mietete er drei nebeneinanderliegende Schaufensterläden und installierte darin zeitversetzte Videokameras und Monitore, sodass man sich beim Durchlaufen der Räume selbst im vorherigen Raum beobachten konnte. Die Installation hatte damals einen großen Einfluss auf mein eigenes Arbeiten.

Dan Graham ist Künstler und lebt in New York

Nauman und die Ökonomie der Mittel
von Kasper König

Bruce Nauman ist für mich ein singulärer Künstler. Nichts leitet sich von der Kunst anderer ab: Nauman bezieht sich immer auf die eigene Erfahrung, die aber in seinem Atelier wie in einem Labor objektiviert wird. Nicht seine Subjektivität steht im Zentrum, sondern seine Erfahrung funktioniert immer als Pars pro Toto des gesellschaftlichen Zusammenhangs. Und genau das ist in der Fotoserie von Jason Schmidt sehr genau erfasst. Nauman in seinem Atelier: Da geht es in keiner Weise um Dekoratives, das ist nicht beschönigend und nicht kokett. Stattdessen werden die technisch-medialen Verkoppelungen lesbar, innerhalb derer der Künstler arbeitet.

Nauman biedert sich niemals an. Das war gleich an seinen Anfängen sichtbar. Ich habe Nauman zum ersten Mal 1966 in seinem Atelier in San Francisco besucht. Die ersten Werke, die ich gesehen habe, waren Zeichnungen, die sich auf seine Selbstbefragungen im Atelier bezogen: der Künstler als Brunnen, der aus dem Mund das Wasser spuckt, oder als jemand, der im Atelier sitzt und Kaffee trinkt und darauf besteht, Ideen zu produzieren. Damals war eine starke Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Phänomenen und Verhaltensforschung offensichtlich und der Einfluss der Musik sehr wichtig.

Es ging Nauman nicht darum, Skulpturen zu machen, die man aus der Form, aus dem Anschauen heraus wahrnimmt, das hatte er rabiat hinter sich gelassen, mit großem Risiko auch für sich selbst. Das Atelier war damals auch Ort einer gewissen Frustration, die er so weit trieb, dass daraus etwas Eigenständiges entstand. Das entfernt sich von der romantischen Idee des Studios und wird wie ein Labor, in dem der Künstler allein ist und aus der Situation heraus tätig werden muss. Das ist absolut kompromisslos, aber verzichtet gleichzeitig auf jegliche Heroisierung der Künstlerfigur – stattdessen sind die gesellschaftlichen Bezüge wichtig.

Naumans Werke sind fern jeglicher Pathosformeln, auch wenn sie oft sehr brutal zeigen, was Menschen anderen Menschen antun können. Beim Thema Gewalt, aber auch beim Thema Sexualität ist Nauman unerbittlich – er verkoppelt Konsumverhalten und physische und emotionale Dinge, sodass sie nicht entflechtbar sind. Das hat eine starke ethische Dimension, aber ohne moralisierend zu werden. Entscheidend bei ihm ist die Ökonomie der Mittel: Das Verhältnis von Input und Output ist erstaunlich. Die Rezeption seines Werks ist stark über Europa gelaufen, aber seine große Pragmatik erscheint mir trotzdem sehr amerikanisch. Immer wieder erreicht er mit überraschender Leichtigkeit und minimalem Aufwand der Mittel eine große Intensität.

Nauman ist ein Künstler, der sich vollkommen zurücknimmt und sich trotzdem immer wieder einbringt, ohne ein Selbstdarsteller zu sein. Er hat ein Anliegen, das sehr tief geht. Und erstaunlicherweise verlieren seine Arbeiten nie an Aktualität. Das habe ich bei den „skulptur projekten“ 2007 in Münster erfahren, wo wir mit „Square Depression“ eine 30 Jahre alte Arbeit von ihm realisiert haben. Das Verhältnis von Öffentlich und Privat, das darin thematisiert wird, ist inzwischen ein anderes, aber das Werk hat von seiner Radikalität nichts verloren.

Kasper König ist Direktor des Museum Ludwig in Köln

Dieser Texte erschienen zuerst in Monopol 6/2009 und begleiteten ein Porträt des Künstlers

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