Vorstudien

Glauben an Schwabing

Vom Jesuitenkloster zum Luxuswohnhaus: Ein Investor für das Alfred-Delp-Haus in München

01.06.2006

Auf dem Balkon liegt verwelktes Laub, vertrocknete Gräser stecken zwischen Fugen. Die Wohnzelle sieht nicht besser aus. Eine Generation nach seiner Gründung steht das Jesuitenkloster „Stimmen der Zeit“ leer.

1965 verkörperte das wabenförmige Betonhaus im Nymphenburger Schloßpark Aufbruch und Neuanfang der Societas Jesu, deren Bibliothek im Schwabinger Stammhaus aus allen Nähten platzte. Ein Neubau mußte her, und den schuf Architekt Paul Schneider-Esleben: ein Bollwerk mit hoch aufragenden Buchtürmen und schräg geschnittenen Wänden. Das Alfred-Delp-Haus ist seit 1999 offizielles Baudenkmal. Aber ohne Nach­wuchs. Die Zeitläufe sind über die Zellenanlage hinweggegangen und habennur schrun­digen Sichtbeton zurückgelassen. Ein Investor erwarb das Gelände und wird aus 2800 Quadratmetern Kloster 3500 Quadratmeter Luxuswohnen machen.

Die Bau­broschüre liest sich wie eine Huldigung an den Baumeister Schneider-Esleben, der „international Maßstäbe“ setzte. Und ein Baukunstwerk „von enormer Ausdruckskraft“ hinterließ, „das spirituellem Anspruch und Erfüllung profaner Ausstellungstätigkeit gleichermaßen einen großzügigen Rahmen gab“. Vierzehn Eigentümer dürfen sich den „begnadeten Ort in einer Umgebung voller Majestät“ teilen. Oder nur ein Dutzend, denn es kann sein, daß noch die eine oder andere Einheit zusammengelegt wird. Dazu erhält die Denkwabe mit der pockennarbigen Betonhaut goldglänzende Aufbauten und wird auch sonst im Stil der Zeit umgebaut – soweit es mit dem Denkmalschutz vereinbar ist. Kapellen und Bibliothekstürme zu Maisonettewohnungen, Penthouses auf dem Dach der Anlage. Auch die Jesuiten wußten zu leben. Für die Verschalung der Wände wurde Tropenholz verwendet. „Königliches“ Wohnen verspricht der Bauträger. Wir werden uns an solche Konversionen gewöhnen müssen. Glaube raus – Konvertible rein. Auf dem Balkon wird wenigstens kein Grünzeugmehr herumliegen. Denn wie wirbt doch der Investor: „Murmelnde Bäche mäandern sich vom Gestern ins Morgen.“

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 06/2006.