Interview

Was macht die Kunst, Zadie Smith?

Die britische Erfolgsschriftstellerin Zadie Smith (31) spricht über den Einfluß der Malerei auf ihren neuen Roman „Von der Schönheit“ und auf ihr Leben.

von Friederike Reents
01.06.2006

In Ihrem neuen Roman geht es um Kunst. Gehören Kunst und Schönheit für Sie unbedingt zusammen?
Moderne Kunst ist oft alles andere als schön. Kunst kann insofern schön sein, als sie Nahrung für die Augen bietet.

Als Sie Gastdozentin in Harvard waren, haben Sie den Plot des Buches geträumt. Wie stark war der Einfluß der nächtlichen Bilder?
Ich träumte tatsächlich den groben Handlungsverlauf. Ich denke viel darüber nach, woher andere Autoren ihre Inspiration nehmen; viele, wie etwa Graham Greene, berichten über ihre Träume als Quelle der Inspiration. Normalerweise nehme ich aber meine Träume nicht so wichtig.

Wie kamen die Malerei, Rembrandt und auch die Kunstwissenschaft in Ihren Roman?
Eigentlich bin ich kein visueller Mensch. Literatur hat mich immer viel mehr interessiert als Malerei. Anders als viele meiner Freunde, die auch Kunst sammeln, kenne ich mich in diesen Dingen nicht gut aus. Ich habe das Buch geschrieben, um mein Interesse für die bildende Kunst zu wecken.

Ihr Buch handelt von zwei Kunsthistorikern, die beide an einer Rembrandt-Monographie arbeiten und sich nicht zuletzt auf diesem Gebiet bitterlich bekämpfen. Warum gerade Rembrandt?
Mich interessiert erzählende Kunst. Rembrandts Bilder sind Geschichten, in ihnen ist Bewegung. Nehmen Sie etwa das Bild „Abraham und Isaak“, wo sich der Engel Abraham in den Arm wirft und dieser das Messer fallen läßt. Vielleicht hätte ich mein Buch aber besser Caravaggio widmen sollen. Als ich einmal vor seinem Gemälde „Das Abendmahl in Emmaus“ stand, war ich den Tränen nahe, tief berührt und überwältigt. Wenn Gott nicht in diesem Bild ist, wo ist er dann?

Der wissenschaftliche Streit zwischen den Protagonisten entbrennt über zwei von Rembrandts vielen Selbstporträts. Üben Sie hier Wissenschaftskritik?
Der Ursprung des Streits ist ein kleines Mißverständnis, um das sich plötzlich alles dreht. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich schätze ästhetische Theorien sehr. Das Problem ist nur, daß Wissenschaftler, so brillant ihre Abhandlungen zum Teil auch verfaßt sein mögen, das Kunstwerk oft aus den Augen verlieren. Am Ende geht es dann doch um ihre Befindlichkeiten und Ideenkonstrukte, die sie auf alles anwenden wollen. Das Kunstwerk als solches – und erst recht der Künstler – ist für sie regelrecht eine Beleidigung. Sie brüten monatelang über einem Werk und deuten es postkolonialistisch oder marxistisch, plötzlich steht dann der Künstler vor ihnen und hat davon noch nie etwas gehört. Ich habe mir oft vorgestellt, was Shakespeare sagen würde, wenn er eine Vorlesung über sich hören könnte.

Befürchten Sie, daß die Kunst unter dem Theorieüberbau zusammenbrechen könnte?
Manchmal ja. Der Künstler ist in den seltensten Fällen so intellektuell wie die Forscher, die über ihn schreiben. Leider meinen viele, vor allem bildende Künstler, sie müssten öffentliche Intellektuelle sein. Haben Sie mal gehört, was die Chapman-Brüder für einen unausgegorenen, peinlichen Unsinn erzählen, was für entsetzliche Kunsttheorien sie von sich geben? Aber ihr Werk ist phantastisch.

An der Schlüsselstelle Ihres Romans geht es um eine Erbschaft, um ein haitianisches Bild einer Voodoo-Göttin. Daran hängt eine Botschaft an die Erbin: „Wir sind einander solche Bleibe.“ Kann Kunst auch so eine Bleibe bieten?
Ich glaube, „Bleibe“ ist das falsche Wort. Der zitierte Satz stammt aus einem Gedicht meines Mannes und umschreibt die humanistische Idee des Füreinanderdaseins. Bei der Kunst geht es um radikale Herausforderung, sie soll wachrütteln, lebendig machen. Vor allem aber soll sie erfüllen und keinen Aha-Effekt provozieren, wie etwa die Lichtschalter-Installation des Turner-Preisträgers Martin Creed. So etwas ist bedeutungslos – weder langweilig, noch spannend, weder ein Schock, noch eine Erhebung – nichts. Wenn man im Sterben liegt, wird man bestimmt nicht danach verlangen, sondern nach einem Caravaggio oder Chapman. Kunst kann einen dazu bringen, sich zu vergewissern, was für einen wichtig ist – das passiert ja auch dem gebeutelten Helden am Ende des Romans.

Würden Sie viel Geld ausgeben, um Kunst zu sammeln?
Die Frage habe ich mir noch nie gestellt. Ich komme aus einer Familie, wo es überhaupt keine Kunst gab. Leute, die Kunst besaßen, kamen mir vor wie von einem anderen Planeten. Ich war sehr beeindruckt, als ich kürzlich von Madonnas Kunstsammlung las. Vielleicht werde ich mir auch mal Kunst zulegen, wenn ich groß bin. Soweit bin ich aber noch nicht.

„Von der Schönheit“ ist 2006 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 06/2006.