Interview

Hans Haackes Installation "Der Bevölkerung" im Reichstag

Was macht die Kunst, Herr Riechelmann?

Diesmal: Der Biologe Cord Riechelmann inspiziert Hans Haackes botanische Installation "Der Bevölkerung" im Innenhof des Reichstags

von Silke Hohmann
01.09.2006

In sechs Jahren ist im Bundesbeet allerhand gewachsen, aber seit dem Sommer hängen die Blätter schlaff und bräunlich herunter. Kann denn da niemand mal gießen?
Nein. Nach den Vorgaben des Künstlers sollen die Pflanzen, die hier seit der Einweihung im September 2000 wachsen, ihrer natürlichen Sukzession überlassen werden.

Das heißt, auch im Schutz des Bundestags ist die Pflanzengesellschaft ausschließlich den Gesetzen der Natur unterworfen?
Ja, und merkwürdigerweise richten sich die Pflanzen tatsächlich nach der zu erwartenden Abfolge pflanzlicher Lebensgemeinschaften. Am Anfang bestand sie hauptsächlich aus Gräsern und Kräutern.

Sie beschreiben das, was manche Menschen „Unkraut“ nennen.

Wer das so bodenständig klassifizieren möchte – ja. Dabei geht die Tendenz jetzt längst in Richtung junger Wald mit stachelig krautiger Rötegewächsschicht. Aus der Mitte des Troges wuchern Himbeere (Rubus idaeus) und Feinzähnige Brombeere (Rubus lamprocaulos) in
alle Richtungen. Ihre stachelbewehrten Äste schlängeln sich zwischen den jungen Stadien von Spitzahorn (Acer platanoides), Feldahorn (Acer campeste) und Hainbuche (Carpinus betulus) hindurch und machen das Zentrum unwegsam.

Hainbuche? Das klingt nach stattlichen Schattenspendern. Kann die Kunst denn die Natur überhaupt noch in ihre Grenzen weisen?
Eine Hainbuche wächst alleinstehend gleich vorn rechts unter dem D von „Der“. Sie könnte der Grund für einen demnächst fälligen Eingriff werden. Hainbuchen wirken waldbildend und bevorzugen trockene, sommerwarme Standorte. Und wenn sie so weiterwachsen, könnten sie bald den Schriftzug bis zur Unleserlichkeit bedecken. Die Lesbarkeit der Schrift aber ist die einzige Bedingung, die Haacke der allmählichen Entwicklung zum Wald hin in den Weg gestellt hat. Ist sie nicht mehr gegeben, darf gefällt werden. Bis dahin wird es aber wohl noch dauern.

Im Beet ist Erde aus jedem Wahlkreis enthalten, mitgebracht von den Abgeordneten aus der Heimat und voller unkalkulierbarer Samen. Sicherheitskontrollen gab es nicht. Gehen von den Pflanzen irgendwelche Gefahren aus?
Ja. Der Gemeine Wurmfarn (Dryopteris filix-mas), der vorne links sich über den Boden breitet, gehört in Europa zu den verbreitetsten Farnen. Er bevorzugt nährstoffreiche lehmige Böden und ist seit der Griechenzeit als Heilpflanze bekannt. Er enthält Acylophloroglucinole, ein Wirkstoff, der Eingeweidewürmer betäuben kann. Daher hat der Farn seinen Namen. Die Droge ist allerdings zwiespältig zu genießen. Ihre Nebenwirkungen führen unter anderem zu Krämpfen, Erbrechen und Bewußtlosigkeit. Ähnlich ambivalent verhält es sich mit dem Johanniskraut (Hypericum perforatum). Die orange-gelblichen Blüten mit ihren gebüschelten Staubblättern gehören zu den wenigen noch blühenden in der Landschaft. Die Blüten enthalten den roten Farbstoff Hypericin, der bei Tieren nach Verzehr die Lichtkrankheit auslösen kann, an der sie schlimmstenfalls zugrunde gehen. Für Menschen sind sie aber ungefährlich.

Findet da ein harter Verdrängungswettbewerb unter den unterschiedlichen Gattungen statt?
Das liegt einerseits in der Natur der Sache. Andererseits ist Haackes Arbeit auch nicht nur der Pflanzensukzession unterworfen. Auch der Einwurf der aus den Wahlkreisen herbeigebrachten Erde und der darin enthaltenen Samen geht weiter. Daran liegt es zum Beispiel, daß außer dem weißblühenden Glanz-Labkraut (Galium lucidum) und ein paar nicht bis zur Art zu bestimmenden Gräsern gar keine Pflanzen aus der Gründungsphase der Pflanzengesellschaft wiedergefunden wurden.

Setzt die Sache nicht auch langsamMoos an?
Zwangsläufig. Das Moos auf Heiner Geißlers Stein etwa zählt zu den besonders beständigen Pflanzen. Der von Geißler eingesetzte Quader „Trifels“ soll ja auch irgendwas mit Richard Löwenherz zu tun haben.

Hat die Vegetation des Beetes also längst eine politische Dimension?
Durchaus, man kann sogar eine Art Wende erleben. Wer sich noch erinnert, wie die CDU/CSU-Fraktion gegen Haacke gewettert hatte, wird staunen. Ein CSU-Abgeordneter hat sogar einen Apfelbaum hineingestellt, um den „Aspekt der verträglichen Nutzung der Landschaft zu betonen“.

Berlin steht möglicherweise demnächst auf dem Schloßplatz ein großes Rasenbeet bevor. Was könnten diese Halme der Bevölkerung zu sagen haben?

Das kommt darauf an, welchen Rasen man aussät oder verpflanzt. Er kann zu rutschig sein oder einseitig steril wie auf Golfplätzen oder angenehm begehbar wie um die Ecke am Alexanderplatz ums Marx- Engels-Karree. Wo man ständig
irgendwelche Vögel beim Regenwürmersuchen sieht. Ein sich selbst überlassener Rasen hat Potential. Darauf, darunter und darin kann viel passieren.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 05/2006.