Kommentar

"Museum auf Zeit für die Kunst von heute" auf dem Berliner Schloßplatz

Das Museum wird kommen

Die von Monopol angestoßene Debatte um das „Museum auf Zeit für die Kunst von heute“ auf dem Berliner Schloßplatz zeigt, daß wenig die deutsche Kapitale derzeit so sehr emporreißen kann wie die zeitgenössische Kunst - Plädoyer für einen Sehnsuchtsort

von Ingolf Kern
01.09.2006

Die Schauspielerin Bibiana Beglau ist von Herzen gastfreundlich und eine beschlagene Ratgeberin in Sachen Kunst-Berlin obendrein. Vor ein paar Monaten beherbergte sie zwei junge Herren aus New York und Dublin, die sie ständig mit der Frage löcherten, wo, um alles in der Welt, sie denn junge Berliner Künstler anschauen könnten. Hamburger Bahnhof? Waren sie schon. Berlin Biennale? Nicht schlecht, aber doch eher international. „Ich war eine schlechte Ratgeberin“, gestand Bibiana Beglau, weil es in ihrem geistigen Stadtplan keinen Ort gab, der „jung“ und „Berlin“ und „Kunst“ zur Deckung bringen konnte. Vielleicht war diese kleine Episode schuld daran, daß sich die Schauspielerin der Initiative dieses Magazins anschloß und zu den ersten Unterstützern für ein „Museum auf Zeit für die Kunst von heute“ auf dem Berliner Schloßplatz gehörte.

Viel ist in den vergangenen Wochen darüber gemutmaßt worden, was eigentlich hinter dieser Aktion steckt, die geplante „Bundesrasenschau“ auf dem wichtigsten, sperrigsten und reizbarsten Platz der Nation durch eine temporäre Kunsthalle zu kontern. Warum nur befristet, was doch auf Dauer nötig wäre? Tatsächlich geht es in der Diskussion um einen lange entbehrten Ort, der die Berliner Kunstblockade auflösen könnte. Das „Museum auf Zeit“ soll nicht nur den Schloßplatz beleben, sondern vor allem die Frage, wo die Entwicklung zeitgenössischer, internationaler Kunst aus Berlin künftig abzulesen sein wird. Sie greift einer Zeit vor, in der der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin wahrscheinlich nicht mehr Peter-Klaus Schuster heißen wird und das Humboldt-Forum hinter der Barockfassade seine Möglichkeiten schärfer fassen muß, als es die Nutzer derzeit vermögen. Wer sagt denn, daß das alte, neue Berliner Stadtschloß nicht doch eine Galerie beherbergen wird, in der auch die Fragen nach der Zeitgenossenschaft zu beantworten wären, um überhaupt in die Zukunft strahlen zu können.

Es ist unerheblich, ob sich der Berliner Senat nun traut, den Schloßplatz in den kommenden sechs Jahren gnadenlos unter Halme zu setzen und die gewonnene Freiheit an Vögel und Regenwürmer zu verschenken, es ist auch egal, welchen Ausstellungscocktail die sogenannte Humboldt-Box künftig zu servieren gedenkt, Berlin hat einen neuen Sehnsuchtsort. Thomas Scheibitz’ „White-Cube“-Projekt in den letzten Tagen des aufgelassenen Palastes der Republik war der Beginn einer ideologischen Deeskalation auf einem okkupierten Stadtschlachtfeld. Der „White Cube“, vom Palast-Panzer entkleidet, gab einer neuen Idee seinen Kern. In dieser Atmosphäre der Gedankenfrische, in der sich Palast-Nostalgiker und Schloß-Beschwörer eben nicht mehr unversöhnlich gegenüberstanden, war es plötzlich die Kunst, die ihren Magnetismus entfaltete.

Und es waren die von Monopol eingeladenen Architekten, die die Topographie des Ästhetischen an die Stelle der grünen Einfalt setzten. Nie war die Wertschätzung für die zeitgenössische Kunst in Berlin größer als auf der Unterstützerliste für das auf- und abzubauende Museum: von Christina Weiss bis Thomas Flierl, von Julian Heynen bis Bernhart Schwenk, von Günther Uecker bis Norbert Bisky, von Steffen Seibert bis Ingo Metzmacher.

Es wird schwer sein, den veränderten Blick auf die internationale Kunst aus der Kapitale zu verstellen und sich wieder dem behaglichen Berliner Künstlerbild von vor fünfzehn Jahren zuzuwenden, als man noch mit subventionierten Schweißbrennern verrostete Störche in Wenderuinen zusammenstoppelte. Auch wenn die magenkranken Hauptstadtmisanthropen sofort mit dem Vorwurf der kalkulierten Imageschinderei um sich schlagen, es läßt sich nicht mehr leugnen: Inzwischen gilt die deutsche Hauptstadt in der Welt längst als führender Produktionsort von zeitgenössischer Kunst. Die Welt weiß das auch, nur Berlin eben nicht. Es kann nicht sein, daß man für Tacita Dean oder Thomas Demand, für John Bock oder Anri Sala in den Billigflieger steigen muß, nur weil das Museum der Gegenwart vom Titel wie vom Inhalt eine Farce ist.

Das „Museum auf Zeit für die Kunst von heute“ auf dem Berliner Schloßplatz wäre mehr als nur ein Ersatz für den besetzten Hamburger Bahnhof, sondern beschriebe eine für Deutschland völlig neue Form der Rezeption. In anderen Ländern ist es längst üblich, für die Kunst auf- und abzubauen, die Kraft aus dem Fundament des Augenblicks zu schöpfen und ohne strukturelles Gebälk auskommen. Man schätzt den Reiz des Flüchtigen und freut sich, einer Kunst und einer Architektur zu dienen, die eine Konvergenz des Wandels verbindet. Das Beispiel Serpentine Gallery in London zeigt doch, wie es funktionieren kann.

In Berlin aber lösen solche Pläne fiebrige Phantasien aus. Die nervösen Schloßgespenster sehen in einem erfolgreich befristeten Kunstgastspiel eine Sabotage möglicherweise des bisher erreichten Status quo, ein Zerfleddern der mühsam gemeißelten Pläne und Bundestagsbeschlüsse: Scheibitz statt Schlüter. Bitte bloß keine Ideen mehr! Es sei doch in Berlin schließlich immer so, daß Provisorien, so sie einmal stünden, nicht mehr zu vertreiben seien. Dabei soll niemandem etwas genommen, sondern ein Mangel behoben werden. Berlin sollte sich eine Kunsthalle zutrauen. Und zwar jetzt!

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 05/2006.