Bücher

"Lady Gaga X Terry Richardson"

Sieben Monate Gaga

Aufrichtig, aber nicht authentisch: Terry Richardson Fotoporträts von Popstar Lady Gaga

von Silke Hohmann
10.01.2012

Wenn man den Fotografen Terry Richardson auf den Popstar Lady Gaga loslässt, könnte man genauso gut Schwarzpulver und Feuer nehmen. Andererseits: Es knallt beim sexgesteuerten Karohemd-Proleten mit der Idiotenbrille und dem superartifiziellen halbnackten Wondergirl ohnehin andauernd so planmäßig, dass ein großer Knall nicht mal das Interessanteste wäre.

Im August 2010 begann Richardson damit, Gaga zu begleiten und zu fotografieren, und in den folgenden sieben Monaten stellte er jene typische Nähe zu ihr her, die man von seinen Bildern kennt. Mehr noch als das spontane Draufhalten und Reinblitzen ist sie sein Markenzeichen geworden, eine Nähe, die unangenehm ist, weil sie den Betrachter manchmal zum unfreiwilligen Zeugen von drogeninduzierten Verrenkungen und sexuellen Handlungen von geistig Weggetretenen macht. Zumindest sehen seine Fotos häufig so aus, und dafür ist er bekannt und als Werbefotograf gefragt.

Was aber, wenn das Objekt seiner Bilder kein Opfer ist, sondern selbst exzessiv, exhibitionistisch und ständig auf der Suche nach Tabubrüchen? „Manchmal habe ich das Gefühl, ich hätte mein ganzes Leben darauf gewartet, von Terry Richardson fotografiert zu werden,“ schreibt Lady Gaga in einem intelligenten, kurzen Vorwort zu dem ansonsten textfreien, opulenten Fotoband, der jetzt bei Goldmann erschienen ist. „Wenn Du richtig Glück hast, lehrt er dich etwas wirklich Tiefgreifendes über dich selbst.“

Künstlerisch und menschlich genau getroffen
Wir sehen Lady Gaga am Inhalator, bei der Anprobe ihres legendären Fleischkleides (sogar die Füße wurden mit Filet umwickelt), mehrmals beim Verzehr von Pasta, im Scheinwerferlicht, ungeschminkt, backstage, onstage, mit Mama und Papa Gaga, auf dem Schoß von irgendwem, mit Laufmasche, am Flügel. Sie fühle sich, sagt sie, von Richardson sowohl künstlerisch als auch menschlich ganz genau getroffen.

Und der Betrachter fühlt es auch. Ernsthaft. Man mag diese Person. Und zwar nicht etwa den „Menschen hinter der Maske“, sondern das komplette Konzept aus Strass, Punk-Parolen, animal-print, Nacktheit, Peinlichkeit, Teenager-Ermutigung und aufrichtiger Verpflichtung, eine wahnsinnig gute Show zu liefern (und zwar ohne einen einzigen guten Song). Lady Gaga, das versteht man jetzt, ist nicht halbnackt, weil sie sexy sein will, sondern weil sie krass sein will. Und es ist absolut nicht ihre einzige Facette (neulich trat sie als mittelalter Mittelschicht-Schnurrbartträger irgendwo auf). Und das war offenbar auch das Richtige für die Entwicklung des künstlerischen Spektrums von Terry Richardson: dass es einmal nicht um Sex geht.

"Lady Gaga X Terry Richardson", Goldmann Verlag, 29,99 Euro

http://www.youtube.com/watch?v=AKdYEYFumPE

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