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Was macht die Kunst, Vladimir Karaleev?

"Mir liegt nichts daran, schöne Kleider zu machen"

Der in Berlin lebende Modemacher Vladimir Karaleev präsentierte seine Arbeit in Galerien und Projekträumen, inzwischen laufen seine Schauen im offiziellen Programm der Mercedes-Benz Fashion Week am Brandenburger Tor. Ein Gespräch über Kunst und Mode, Konzept und Kommerz

von Mary Scherpe
20.01.2012

Vladimir Karaleev, 2008 haben Sie mit Yukihiro Taguchi in der Berliner Program Galerie die Skulptur "Fabric/k" gezeigt, 2009 Ihre Kollektion in der Galerie Coma präsentiert. Wird es irgendwann eine Rückkehr in den Kunstkontext geben?
Zunächst einmal ist Mode keine Kunst, denn Kunst ist etwas ohne Gebrauchswert. Natürlich nennen einige die Kleidung, die sie tragen oder herstellen, gern Kunst, weil Mode ein schlechtes Image hat. Ich mache Mode, genauso wie Versace und H&M Mode machen. Die Arbeiten, die ich in der Program Galerie oder zur Ausstellung "Case 2: have balls" 2010 im Projektraum Splace gezeigt habe, haben ein anderes Konzept, ein anderes Ziel als das, was ich in meinem saisonalen Kollektionen mache. Wenn man seine Mode als Kunst bezeichnet, hat das einen prätentiösen Charakter, Mode muss und soll aber zugänglich sein. Im Unterschied zur Kunst, deren Sprache nur wenige sprechen, hat sie eine universale Sprache.

Ein Kleid ist ein Kleid?
Genau. Und es ist egal, was darin passiert, es bleibt ein Kleid. Bei der Mode ist es eine Frage des Geschmacks, bei der Kunst geht es jedoch nicht darum, was mir auf den ersten Blick gefällt, auch wenn es natürlich Werke gibt, die rein auf der visuellen Ebene arbeiten. Aber für die Kunst braucht man in der Regel mehr Verstand als für die Mode.

Ihre Mode jedoch definiert sich über ein bestimmtes Konzept: Sie haben sich am Anfang Ihrer Laufbahn bestimmte Regeln auferlegt, etwa die, keine Reste zu hinterlassen. Auch wenn Sie diesen Ansatz aufgegeben haben, lebt er doch in Ihren Arbeiten weiter - Ihre Nähte sind zum Beispiel immer offen.
Interessante Mode kommt für mich von einem interessanten Konzept. Mir liegt nichts daran, schöne Kleider zu machen. Beim westlichen Umgang mit dem weiblichen Körper geht es immer nur darum, diesen zu verschönern und einem Ideal anzupassen. In der europäischen Mode soll die Frau verschönert werden, so wird zum Beispiel immer noch das Korsett, obwohl lange aus der Mode, mit Abnähern nachgeahmt. Mich interessiert das aber nicht, ich finde es viel schöner, wenn etwas verhüllt, abstrahiert wird. Da bin ich mit Sicherheit vom asiatischen Umgang mit Kleidung beeinflusst.

Inwiefern haben Sie die japanischen Avantgarde-Designer der 80er beeinflusst, Yohji Yamamoto und Rei Kawakubo?
Das war eine Revolution der Mode. So wie das Salonsystem der Kunst des 19. Jahrhunderts aufgebrochen wurde, zerstörten die Japaner in Paris die Vorstellung, dass französische Couturiers bestimmen könnten, was Mode, was und wie Kleidung sein kann und sein soll. Natürlich gab es zu dieser Zeit außerdem die Punk-Bewegung, die mit ihrer Kleidung einige Regeln brach. Im Gegensatz zu deren politischen Motivation wollten die Japaner vor allem Mode machen und traten deshalb ganz entschieden in Paris auf. Sie bedienten sich da Methoden, die aus der Kunst bekannt sind. Ich orientiere mich nicht an bestimmten Kunstbewegungen oder -gruppen, sondern mehr an deren Arbeitsweise.

Meinen Sie damit die Entwicklung Ihre Modelle?
Die akademische Modedesign-Ausbildung lehrt, dass man erst eine Skizze und dann eine technische Zeichnung macht, dann folgt das Probemodell aus Nesselstoff und so weiter. Dafür bin ich zu ungeduldig. Ich arbeite mit dem Originalstoff an der Puppe. Wie bei einem Pinselstrich, wenn der gemalt ist, ist er gemalt und man muss ihn übermalen, wenn er nicht gefällt. Aber er bleibt. Alle meine Kleider, entstehen im Arbeitsprozess an der Kleiderpuppe. Ich habe eine gewisse Vorstellung von der Silhouette, mehr aber nicht. Wenn mir etwas nicht gefällt, schneide und nähe ich so lange, bis es gut ist, mache es kleiner oder kürzer, um zur endgültigen Form zu kommen. Auf Papier kann ich mir das nicht vorstellen, vielleicht fehlt mir da die Fantasie.

Ist ein Spagat zwischen konzeptueller Herangehensweise und dem Wunsch nach kommerziellen Erfolg nicht schwierig?
Im Moment arbeite ich gern kommerziell, auch wenn das einen schlechten Ruf hat. Aber mich reizt gerade die Herausforderung, es auszubalancieren: Wie kann ich kreativ genug sein und dennoch verkäuflich bleiben. Mode ist da, um getragen zu werden. Deswegen liegt mir viel daran, dass meine Kleider bezahlbar bleiben.

Fehlt Ihnen der Kunstkontext zuweilen?
Ich mag das White-Cube Konzept, weil es so viele Möglichkeiten bietet. Diese eigenartige Atmosphäre, die Sterilität des weißen Raumes bietet einen interessanten Kontext. Aber mit Kunst hat das für mich wenig zu tun. Es macht derzeit mehr Sinn für mich, meine Arbeit im Rahmen der offiziellen Fashion Week im Zelt zu zeigen. Auch wenn man sich dort sehr Mühe geben muss, sich von den anderen abzuheben, weil das Zelt immer gleich aussieht. Aber ich bin nun mal noch nicht bekannt genug, damit die Leute durch die halbe Stadt fahren um sich meine Schau anzusehen.

Am Freitag den 20. Januar zeigt Vladimir Karaleev um 18 Uhr auf dem Mercedes-Benz Fashion Week Runway seine Herbst/Winter-Kollektion 2012/2013

Hier ein Ausschnitt von Karaleevs Schau 2011 in Berlin:






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