Kommentar

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Saatchi isn’t working

Der englische Großsammler Charles Saatchi wird zu einer Karikatur seiner selbst und verschleudert gnadenlos alles, was ihm nicht mehr gefällt. Wieso verkaufen Galeristen dennoch so gern an ihn?

von Florian Illies
01.12.2006

Wenn die Kunstwelt sich über Charles Saatchi mokiert, dann immer mit dem Hinweis, er wende eben die Methoden der Werbebranche auf die zeitgenössische Kunst an. Das ist eine Beleidigung – und zwar für die Werbebranche. Es ist anzunehmen, daß die Dreistigkeit und der Zynismus von Saatchis angeblichem Kunstinteresse selbst innerhalb der nicht ganz unzynischen und undreisten Welt der Werbewirtschaft längst zu seiner Ächtung geführt hätten. In der Kunstwelt aber, und das ist das Sonderbare, kann man es mit wohl zweifelhaften Sekundärtugenden schaffen, zu einem lebenden Mythos zu werden. Noch immer rühmen sich Künstler damit, in einer von Saatchis früheren Ausstellungen vertreten gewesen zu sein. Und noch immer gilt es offenbar als Qualitätsmerkmal, wenn er eine Arbeit kauft – auch wenn er sich die Abbildung von einer Messe nur (real oder sinnbildlich) per MMS auf seine Jacht schicken lassen sollte. So geht jedenfalls die Rede. Und es werden diese Gerüchte auf den Kunstabendessen weitererzählt, als hafte ihnen irgendetwas Mondänes oder Kultiviertes an. Selbst heute tun Galeristen, die an Saatchi verkaufen, oft noch so, als täten sie ihren Künstlern damit irgendetwas Gutes.

Aber ist Charles Saatchi nicht eigentlich der Heinrich Haffenloher des internationalen Kunstmarktes? Der Haffenlohers in Gestalt von Mario Adorf in „Kir Royal“ vorgetragenes Bekenntnis „Isch scheiß Dich zu mit meinem Jeld“ vom Fernsehen in den Kunstkosmos transferiert hat? Saatchi brachte einst Margaret Thatcher an die Macht mit seinem simplen und genialen Werbeslogan „Labour isn’t working“. Nach demselben Prinzip nahm er sich der Kunst an. Auch hier behauptete er einfach mal: „Art isn’t working.“ Und er setzte dagegen das, was immer hilft: Provokation. Also suchte er sich Madonnen aus Elefantendung, pädophile Knubbelskulpturen, Unterschichtenfotografien, Geschlechtsverkehrstatistikerinnen und nannte das ganze „Sensation“. Das sorgte dann in London, Berlin und New York für Aufsehen. Und der New Yorker Bürgermeister tat ihm sogar den Gefallen, die Kunst aus „Sensation“ als krank zu bezeichnen. Doch kaum war die Ausstellungstournee beendet, schlug er die billig und massenhaft angekaufte Ware wieder los. Art Newspaper hat jetzt aufgelistet, wohin all die Werke aus dem einstigen Besitz Charles Saatchis gewandert sind: Meist befinden sich die Arbeiten von Hirst, Tracey Emin, den Chapmans und all den anderen längst in den Händen amerikanischer Immobilienmakler oder Hedge-Fonds-Manager. Anderes schlug er auf Auktionen wieder los. Und der Rest vom Schützenfest der „Sensation“-Kunst wird ab sofort in einem 400 Seiten dicken Versandhauskatalog zum Vermieten angeboten – das klingt wie ausgedacht, ist aber leider wahr. The Triumph of Peinlichkeit.

Anschließend widmete sich Saatchi der Malerei und kaufte alles auf, was bei fünf nicht auf den Bäumen war. Und weil er ein bißchen spät eingestiegen war, mußte er vieles sehr teuer erwerben, auch auf Auktionen. Bei Phillips de Pury etwa ersteigerte er offenbar 2004 ein Werk des polnischen Malers Sasnal. Wer ein Auge hatte, konnte dessen beste Arbeiten vor fünf Jahren für 3000 Euro kaufen. Wer nur ein ferngesteuertes Auge besitzt, mußte eben wie Saatchi für einen sehr schwachen Sasnal vor zwei Jahren 50000 Euro zahlen. Kaum ersteigert, packte er das Bild in seine Ausstellung „The Triumph of Painting“ und zeigte es stolz in seinem Katalog. Doch kaum war der Katalog gedruckt, ging es wieder ans Verscheuern: Und so wurde das Bild am 14. Oktober 2006 bei Sotheby’s schon wieder versteigert: Für 62400 Euro. Leider verschweigt der Katalog verschämt sowohl die frühere Auktion als auch den Vorbesitzer Saatchi – in der Spalte Provenienz steht nur der alberne Hinweis „Galerie Starmach, Kraków“. Solange auch die Auktionshäuser das Spiel mitspielen, muß er sich keine Sorgen machen.

Das Tempo, mit dem Saatchi Werke ankauft, nur um sie kurz vorzeigen zu können, erinnert immer mehr an einen Charmeur, der sich für das erste Rendezvous einen Porsche mietet, den er dann am Morgen schnell zurückbringt, wenn das Bett noch warm ist.

Bald wird kaum etwas übrig sein von dem ganzen angeblichen Triumph der Malerei. Auch von „Sensation“ und den ganzen Young British Artists behielt Saatchi nur drei, vier Werke. Aber ob der Auktionsmarkt diese Menge an Malerei verkraften wird? Im vergangenen Jahr hat Saatchi junge amerikanische Kunst zusammengekauft für seine Show „USA Today“. Wieder das lauteste, kritischste, was sich auftreiben ließ. Denn Saatchi hat diese rührende und krampfhafte Sehnsucht danach zu provozieren. Es wäre wunderbar, wenn er diese Lust an der Provokation wieder außerhalb des Kunstmarktes ausleben würde. Aber er wird das solange nicht tun, solange sich Künstler und Galeristen noch aufgeregt anrufen, wenn Saatchi sich gemeldet hat, weil sie das als ein Zeichen für Ruhm und Anerkennung sehen. Er wird sich erst dem Polosport, Dubai oder Jachten zuwenden, wenn ihm der Kunstmarkt die kalte Schulter zeigt. Auf wen das Auge von Charles Saatchi gefallen ist, dem droht mittelfristig eben nicht Ruhm, sondern leider eher: die Verschleuderung. Denn: Saatchi isn’t working.

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 12/2006.