Gerhard-Richter

Gerhard Richters „Atlas“ in Dresden

„Zum Wegschmeißen zu schade“

Eintauchen in den Richter-Kosmos: Dresden ehrt den großen Maler zum 80. Geburtstag mit einer Ausstellung seines faszinierenden „Atlas“

von Anne Kohlick
05.02.2012

Im Blitzlichtgewitter der Fotografen sieht der Künstler etwas verloren aus. Möglichst schnell versucht er, sich den Weg zu seinem Stuhl zu bahnen. Dann ist er froh, vorerst schweigen zu dürfen. So ganz scheint Gerhard Richter nicht verstehen zu können, warum alle Welt so einen Aufstand um ihn und seinen Festtag am 9. Februar veranstaltet: bereits im letzten Jahr der Film „Gerhard Richter Painting“, dann die große Retrospektive „Panorama“ (ab 12. Februar in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu sehen), jetzt auch noch „Atlas“ in Dresden. „Man hat sich auf mich eingeschossen - das muss ich so hinnehmen“, sagt der gerade noch 79-Jährige. Unglücklich scheint er darüber aber nicht zu sein, im Gegenteil: Dass er in der Stadt, in der seine persönlichen Wurzeln liegen, ausstellen dürfe, berühre ihn, erklärt der Künstler.

Die Schau, zu deren Eröffnung der eher scheue Richter sogar am Pressegespräch teilnimmt, gewährt Einblicke in seinen Ideenkosmos: Auf annähernd 800 gerahmten Tafeln - eine Leihgabe aus dem Münchner Lenbachhaus - hat der gebürtige Dresdner seit den 60er-Jahren mehr als 15.000 Fotografien, Zeitungsausschnitte und Skizzen versammelt. Wie es dazu gekommen ist? Die Schnipsel waren „zum Wegschmeißen zu schade, zum Verkaufen nicht gut genug“. Aus diesem Bildermeer – das im Übrigen immer noch anwächst – schöpft er Vorlagen für sein malerisches Werk. Wer mit Richter vertraut ist, trifft auf einige alte Bekannte: die ausgelassenen Motorbootfahrer etwa, Ema auf der Treppe oder die Gäste der „Party“ von 1962.

Die allerersten Tafeln des „Atlas“ entstehen aus Familienfotos: Bildern von Einschulungen, Jugendweihen, Feiern, Urlauben, die es in kein Album geschafft haben – manche wegen Unschärfen oder anderer kleiner Mängel aussortiert. Richter klebt sie auf weißen Karton, „um sie anschaulich zu machen und Ordnung in das Chaos zu bringen“. Später kommen Schnipsel aus Zeitungen, Illustrierten oder Kalenderblättern hinzu.

Hier fällt auf: Der Künstler wählt keine Bilder des aktuellen Politgeschehens, sondern ursprünglich nicht für die Presse bestimmte Fotos, etwa die Porträts acht ermordeter Lernschwestern aus Chicago (siehe dazu „Die neunte Schwester“ von Alexander Kluge in der Februar-Ausgabe von Monopol). Ihre fröhlich lächelnden Gesichter verraten auf den Passbildern nichts über den grausigen Kontext – nur die Schrift darunter tut das. Interessant, dass Richter den Text zum Foto in einigen Fällen stehen lässt, in anderen wegschneidet. Wer genau hinsieht, entdeckt außerdem Raster auf einigen Bildern: Diese nutzt der Maler bis 1964, um die Motive auf Leinwand zu übertragen. Danach übernimmt ein Episkop diese Hilfsfunktion.

Der schwierige Prozess der Werkgenese
Ab 1970 stehen Fotografien von Landschaften, meist vom Künstler selbst aufgenommen, im Fokus des „Atlas“. Richter ist fasziniert von Wolken, Meer, Bergen, Wald und wechselnden Wetterlagen. Dazwischen experimentiert er mit architektonischen Entwürfen, in die er fiktive, monumentale Gemälde integriert. Aus solchen Skizzen spricht der studierte Wandmaler, der nicht nur seine Werke selbst, sondern auch deren Kontext im Zusammenspiel mit dem umgebenden Raum en detail plant. So auch im Fall der Glasarbeit für den Berliner Reichstag von 1999. Der „Atlas“, zum letzten Mal 2005 öffentlich ausgestellt, offenbart hier den schwierigen Prozess der Werkgenese, immer wieder verworfene, veränderte, verbesserte Varianten – von unscharfen Fotos aus KZs über bunte Farbquadrate zu den finalen schwarz-rot-goldenen Rechtecken.

Ergänzt wird der „Atlas“ von Material aus dem Gerhard Richter Archiv Dresden, das für die überaus gelungene Ausstellung verantwortlich zeichnet: darunter Richters einziger Künstlerfilm „Volker Bradke“ von 1966, sein Studentenausweis aus Dresdner Zeiten oder Fotos aus seinem Atelier. Einen optischen roten Faden in der Bilderflut bildet das zwanzig Meter lange Ölgemälde „Strich auf Rot“ aus dem Jahr 1980, das über einem Teil der gerahmten Tafeln angebracht ist. Gegen die Kleinteiligkeit des „Atlas“ setzt es ein eigentlich winziges, aber ins Monumentale vergrößertes Detail und bildet so ein wirkungsvolles Gegengewicht. Eine kongeniale Begegnung.

Kunsthalle im Lipsiusbau, Dresden, bis 22. April
Zum 80. Geburtstag Richters hat der Schriftsteller und Filmregisseur Alexander Kluge elf Texte in Monopol 2/2012 veröffentlicht. Außerdem in der Februar-Ausgabe: Louise Lawlers Streifzug durch Museen mit Richter-Bildern

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Monopol 12/2014
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