Ausstellung: "Erschaute Bauten" in Wien
Neue Perspektiven
Im Wiener Museum für angewandte Kunst blicken Künstler auf moderne Architektur
Kunstwerk, Denkmal und Wahrzeichen zugleich? Der „Apollo Pavilion“ von Victor Pasmore im englischen Peterlee scheiterte an diesen Ansprüchen. Das Betonlabyrinth huldigte dem Space-Age, nicht aber dem Menschen. Jahrzehnte später turnte die Jugend auf der verkommenen Konstruktion, sie wurde zur Spielkulisse: zur Burg oder Orbitalstation – ein versöhnliches Szenario. Jane und Louise Wilson, die auch die sowjetische Astronautenschmiede Swjosdny Gorodok in Filmbilder übersetzten („Star City“, 2000), nutzen das Video „Monument“ (2003), um diese Raumfahrtfantasie in einer Videoinstallation vorzuführen. Zwei Ikonen der Baukunst, Ludwig Mies van der Rohes „Farnworth House“ und Philip Johnsons „Glass House“, haucht Sarah Morris Leben ein.
Die fotografische und filmische Sicht auf Architektur von Künstlern steht im Zentrum der Ausstellung „ERSCHAUTE BAUTEN“ im Wiener Museum für angewandte Kunst. Der Titel zielt auf die analytische Perspektive der Kamera ab. Kurator Simon Rees hat zwar 28 hochkarätige Positionen versammelt (von den Becher-Schülern Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Ruff und Thomas Struth über Hiroshi Sugimoto bis James Welling), jedoch ein bisschen zwanghaft in acht Kapitel gepresst, darunter „Restaurierung“, „Reanimation“, „Wohnen“, „Kritik“ und „Systemanalyse“. Kategorien, die nicht immer stimmig, manchmal banal und im Grunde überflüssig erscheinen.
Auch jenseits des Kapitels „Utopische Visionen“ liest sich die Schau über weite Strecken als – kritische und rühmende – Wiederbetrachtung neuer und alter berühmter Gebäude. Geplatzte Zukunftsträume, etwa die im kommunistischen Geist errichtete Wohnmaschine „Vele di Scampia“, inszeniert Tobias Zielony in seiner Fotografie wie unheimliche Zuchthäuser.
Werner Feiersingers Blick auf Le Corbusiers „Unités d’Habitation“ dokumentiert dagegen die Bewunderung für deren skulpturale Qualitäten. Schmerzhaft, erschütternd stellt Cyprien Gaillard im Video „The Lake Arches“ die Begegnung mit Ricardo Bofills postmoderner Anlage dar. Und Warren Neidichs Fotos entlarven den zum „selektiven Rückbau“ verharmlosten Abriss des Palasts der Republik in Berlin: als ein den Trugbildern des Jahrmarkts geschuldetes Opfer.
Museum für angewandte Kunst (MAK), Wien, bis 22. April 2012
Dieser Artikel erschien in Ausgabe 02/2012. Sie können das Heft hier bestellen.




