Louise Bourgeois in Hamburg
Aus den Archiven einer Seherin
Die Hamburger Kunsthalle präsentiert in einer atmosphärisch dichten Ausstellung das ebenso faszinierende wie rätselhafte Spätwerk der 2010 verstorbenen Jahrhundertkünstlerin Louise Bourgeois
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, im Falle der Louise-Bourgeois-Ausstellung der Hamburger Kunsthalle hat er die Form einer gigantische Spinne. Vor über vier Wochen wurde Bourgeois‘ 1999 entstandene, neun Meter hohe, bronzene Spinnenskulptur „Maman“ auf dem Sockel zwischen dem Altbau der Kunsthalle und der Galerie der Gegenwart aufgestellt. Seitdem ist das achtbeinige Tier, in dessen vergittertem Bauch sich Eier aus Marmor befinden, zum vielfotografierte Attraktion der Innenstadt geworden. „Wenn wir Aufmerksamkeit erregen wollen, wollen wir das mit großer Qualität tun“, kommentiert Kunsthallendirektor Hubertus Gaßner.
Das Museum lädt ein, das faszinierende Spätwerk einer Künstlerin zu entdecken, die erst mit 71 Jahren - das New Yorker Museum of Modern Art widmete ihr 1982 als erster Frau überhaupt eine Retrospektive - ans Licht einer breiteren Öffentlichkeit trat. Die von Brigitte Kölle, der neuen Co-Leiterin der Galerie der Gegenwart, kuratierte Schau „Passage dangereux“ versammelt eine überschaubare, aber um so wirkungsvoller inszenierte Auswahl von Arbeiten aus den letzten 15 Lebensjahren der 1911 bei Paris geborenen und 2010 in ihrer Wahlheimat New York verstorbenen Jahrhundertkünstlerin.
Die titelgebende, 1997 entstandene Arbeit „Passage dangereux“ wird, von Punktstrahlern sparsam beleuchtet, im Zentrum der Schau präsentiert: In einem großen Drahtkäfig, den der Betrachter umrunden, nicht aber betreten kann, inszeniert Bourgeois anhand zahlreicher, überwiegend autobiografisch aufgeladener Objekte das menschliche Leben ganz allgemein, insbesondere aber ihr eigenes, als eine Exkursion voller Fallstricke und Gefahren, Versuchungen und Enttäuschungen. In kleinen Seitenkäfigen sind unterschiedliche, oft abgenutzte oder beschädigte Gegenstände arrangiert, etwa eine altmodische Kinderschaukel, die vor einem zerschlissenen Gobelin baumelt.
Vanitas und Tod, Sexualität und Gewalt
Bourgeois‘ Eltern besaßen einen Reparaturbetrieb für beschädigte Tapisserien. Der souveräne Umgang der Künstlerin mit jeder Art von Textilien lässt sich aus ihrer Biografie heraus erklären. Ferner sind kaputte Stühle jeglicher Art und Größe zu sehen. Ein schwerer Holzsessel mit Lederriemen zum Fixieren der Hände wirkt wie ein elektrischer Stuhl. Vier an dunklen Stangen montierte Abformungen menschlicher Füße auf einem Eisenbett erinnern an ein kopulierendes Paar. Schwere Glaskugeln sind mit Knochen- und Wirbelfragmenten gefüllt und geschickt positionierte Spiegel akzentuieren bestimmte Schlüsselobjekte noch einmal auf besonders eindringliche Weise. Zum Beispiel ein kleines, gläsernes Likörfläschchen in Form eines Pferdes mit abgeschlagenem Kopf. Das Geschenk des befreundeten Architekten Le Corbusier verwandelte Bourgeois zu einem gläsernen Sarg für eine tote Stubenfliege.
Kindheit, Vanitas und Tod, Sexualität und Gewalt, Nostalgie und Traumabewältigung fließen in diese aus familiären Erinnerungsstücken „recycelte“ Käfiginstallation mit ein. Daneben sind in der klar gegliederten Hamburger Schau etliche weitere Installationen und Skulpturen, Stoffarbeiten und, exklusiv aus dem Museum of Modern Art, der großformatige 14-teilige Radierungszyklus „À l‘infini“ zu sehen. Bourgeois entwickelt hier aus einer wiederkehrenden Grundform heraus durch Übermalungen eine metamorphoseartige Exploration organischer menschlicher Formen, die in der Darstellung eines ineinander verschlungenen Liebespaares gipfelt.
Und was hat es mit der Spinne auf sich? Für die Künstlerin verkörpert das von vielen Menschen mit Angstvorstellungen konnotierte Tier etwas durchaus Positives, eine Art weiblichen Schutzgeist. Louise Bourgeois: „Die Spinne ist eine Ode an meine Mutter. Sie war meine beste Freundin. Genau wie Spinnen war auch meine Mutter sehr klug. Spinnen sind sehr freundliche Wesen, sie fressen Moskitos. Und die, das wissen wir doch alle, verbreiten Krankheiten und sind daher unerwünscht.“
Hamburger Kunsthalle, bis 17. Juni 2012
- Louise Bourgeois (Künstlerdatenbank)
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