Gerhard-Richter

Gerhard Richters Editionen in Berlin

Zweifel, noch immer

In Berlin stehen die Menschen am Wochenende Schlange vor der Neuen Nationalgalerie, um sich die große Werkschau Gerhard Richters anzusehen. Neben dieser Retrospektive sollte man aber auch eine Ausstellung mit den Editionen nicht verpassen. Fünf Gründe für einen Besuch im „Me – Collectors Room“

von Daniel Völzke
04.04.2012

1. Es gilt, Gerhard Richter als umfassenden Künstler zu erleben: „Ich weiß gar nicht, ob ich von Grund auf Maler bin, da habe ich meine Zweifel gehabt, immer, noch immer!“, sagte er selbst 1999. Zwar kann man auch in der Neuen Nationalgalerie sehen, wie sich der Künstler mit Spiegeln, Glasscheiben, gläsernen Stellwänden und Farbtafeln weit von dem entfernt, was man gemeinhin unter Malerei versteht. Aber erst in der Ausstellung „Gerhard Richter - Editionen 1965-2011" zeigt sich die ganze Fülle an Techniken, Materialien, Medien: Fotografie, Künstlerbücher, Broschüren, Plakate, Heliogravüre, Offset-, Licht-, Buch- oder Siebdruck, Collage, Schallplatte oder gar Kugelobjekte aus Edelstahl – Richter greift weit aus in seinen Reflektionen über Wirklichkeit und Abbild.

2. An den Editionen erst wird deutlich, wie Richter sich mit Erwartungen an Authentizität und Originalität auseinandersetzt und damit die Rolle des Künstlers befragt. Es war dann doch viel Weihrauch zum 80. Geburtstag Anfang Februar: der tiefinnigste, deutscheste, größte, teuerste Maler, den wir haben. Schon recht. Aber Richter hat sich vor allem auch in seinem Auflagenwerk die Vorstellung einer „Aura“ ironisch und in vielen Anläufen distanziert. So signierte er einige Grafiken mit Stempeln, bei anderen setzte er die Signatur quer über das Motiv – als ironische Überhöhung.

3. Bei Thomas Olbricht und seiner Berliner Kunsthalle „Me Collectors Room“ ist man an der richtigen Adresse: Er hat in den letzten 20 Jahren als einziger Privatsammler weltweit alle Richter-Arbeiten zusammengetragen, die in Auflagen erschienen sind – mehr als 150 verschiedene. Nur eine Edition fehlt ihm. Für die Ausstellung hat Olbricht sich kompetente Unterstützung gesucht, unter anderem vom Kunsthistoriker Hubertus Butin: Der ehemalige Assistent von Richter hat ein Werkverzeichnis zu den Editionen erstellt und früh Ausstellungen mit dem Editionswerk kuratiert.

4. Zum ersten Mal ist in einer Stadt zeitgleich das malerische und das Auflagenwerk zu sehen. Es lohnt sich, einzelne Arbeiten nacheinander zu betrachten. Statt neue Bildmotive eigens für sein grafisches Werk zu entwickeln, hat Gerhard Richter immer wieder seine Gemälde fotografiert und in das Medium Druckgrafik überführt. Was passiert bei einem solchen Transfer? Wie sieht Richters berühmtes Frauenporträt „Betty“ als Offsetdruck aus, wie „Ema (Akt auf Treppe)“ als Cibachromfotografie?

5. Sie brauchen sich beim „Me Collectors Room“ nicht anzustellen.

Me Collectors Room, bis 13. Mai



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