Saul Leiter in Hamburg
Frühe Farbe
Die Hamburger Deichtorhallen präsentieren Saul Leiter als einen Pionier der künstlerischen Farbfotografie
Wie die Streetstyle-Fotografen von heute fand auch Saul Leiter seine Motive auf den Straßen, und oft waren es ausgefallene Kleidungsstücke, vor allem Accessoires, die sein Interesse weckten: Zwei Damen mit auffälligem Kopfschmuck oder ein paar Füße in ausgetragenen Herrenschuhen neben bestrumpften Damenbeinen in Pumps hält Leiter zunächst noch in Schwarzweiß fest. Den leuchtenden Regenschirm, der sich als wirklich „roter“ Faden durch viele seiner Aufnahmen zieht, bannt er auf abgelaufenen (und daher erschwinglichen) Farbfilm.
Als Saul Leiter in den 50ern begann, mit Farbfotografie zu experimentieren, war er seiner Zeit voraus: Künstler der „New Color Photography“ wie Stephen Shore schufen die ihre signifikanten Arbeiten erst in Mitte der 70er. Bei den jetzt in der Hamburger Retrospektive, im Haus der Photographie der Deichtorhallen, zu sehenden Aufnahmen stehen Strukturen und farbige Flächen im Vordergrund, Unschärfen verleihen vielen Bildern einen gemalten Charakter.
Die Aufteilung des Bildraums in Farbflächen, die Leiters Fotografien kennzeichnet, findet sich auch in seiner Malerei wieder: Der 1923 in Pittsburgh geborene Sohn eines orthodoxen Rabbiners begann seinen künstlerischen Werdegang als Farbfeld-Maler. Jetzt hängt seine Malerei neben seinen eigenen Fotografien und Werken seiner 2002 verstorbenen Lebensgefährtin Soames Bantry, der auf Leiters Wunsch eine Retrospektive in der Retrospektive gewidmet ist.
400 Arbeiten insgesamt haben die Kuratoren Ingo Taubhorn und Brigitte Woischnik zusammengetragen. Das Spektrum reicht von Schwarzweiß-Aufnahmen aus den 40ern über Farbfotografien der 50er- bis 70er-Jahre bis hin zu übermalten Aktbildern und Auszügen aus Skizzenbücher. Außerdem gibt es eine Reihe an Videoaufnahmen und Interviews mit dem Künstler selbst.
Als interessiere Leiter sich nicht für
Menschen
Die Menschen
auf Leiters Fotografien sind hinter beschlagenen Scheiben verborgen oder
aufgespannten Schirmen verdeckt. Sie verlieren sich in der Unschärfe der Tiefe
oder sind hier und da nur in Spiegelungen erkennbar. Auch diese Distanz unterscheidet die Bilder von zeitgenössischer Streetstyle-Fotografie. Selbst in den
Modestrecken, die Leiter für Magazinen wie "Harper’s Bazaar", "Vogue", "Esquire" oder "Elle" produzierte, stehen nur selten die Modelle
im Fokus. Mal verschwindet ein Model hinter einem Busch, mal
blockiert ein Gerüst den Blick – oder eine Hälfte der
Aufnahme ist gleich völlig von einem zufällig vorbeilaufenden Arbeiter verdeckt.
Fast schon konsumketzerisch stellt er ein Model in Haute Couture vor eine Plakatwand, an der Shirts für 39 Cent beworben werden. Man kann den Eindruck bekommen, Leiter interessiere sich nicht sonderlich für Menschen, und es ist als eine Art ausgleichender Gerechtigkeit zu verstehen, dass sich diese auch lange nicht für ihn interessierten. Dem Galeristen Galerist Howard Greenberg ist es zu verdanken, dass diesen Arbeiten nun die ihnen gebührende Anerkennung wiederfährt.
Ein kleiner Wermutstropfen bei dieser umfangreichen Ausstellung: Sie zieht einen klaren Schnitt in den 70er-Jahren, also zu der Zeit, in der die amerikanische „New Color Photography“ einsetzt. Dies ist sicher dem Versuch geschuldet, Leiter als Pionier in seinem Medium herauszuarbeiten. Dadurch entsteht beim Besucher fälschlicherweise der Eindruck, man habe es mit einem abgeschlossenen Oeuvre zu tun. Das ist schade, ist Leiter doch mit 80 Jahren nach wie vor künstlerisch aktiv.
Deichtorhallen, Hamburg, bis zum 15. April 2012




