Diskussion zur Sarrazin-Kunstaktion
Nicht zwangsläufig gute Kunst
Die Ankündigung des Künstlers Martin Zet, tausende Exemplare von Thilo Sarrazins Bestseller sammeln zu wollen, sorgte für Aufregung: Kritiker erinnerte die Aktion an die Bücherverbrennungen der Nazis. Jetzt lud Artur Żmijewski, Kurator der Berlin-Biennale, zur Diskussion
Es fehlen noch 59.995 Exemplare, fünf erst sind aus der Mitte der Bevölkerung in Richtung Berlin-Biennale gewandert. Ein bescheidener Rücklauf, bedenkt man die Aufregung nach der Ankündigung von Martin Zets Kunstaktion „Deutschland schafft es ab“: Der tschechische Künstler will mindestens 60.000 Exemplare des seiner Meinung nach ausländerfeindlichen Sachbuchs "Deutschland schafft sich ab" des Politikers Thilo Sarrazin sammeln, um sie auf der kommenden Berlin-Biennale im April zu einer Installation zu verarbeiten. Anschliessend will er die Bücher recyclen. Kritiker erinnerte die Aktion an die Bücherverbrennungen der Nazis.
Martin Zet ist selbst nicht anwesend, als „Deutschland schafft es ab“ am Montagabend in den Berliner KW Institute for Contemporary Art diskutiert wird; das Ausstellungshaus veranstaltet die 7. Berlin-Biennale. Deren Kurator, der Künstler Artur Żmijewski, aber stellt sich den Fragen eines Gesprächskreises, der bunter kaum sein könnte. Eine hitzige Diskussion bleibt dennoch aus.
Für Zündstoff sorgt einzig der Journalist Ingo Arend, der standhaft die fehlenden Relevanz und Komplexität der Installation sowie die bewusst gesetzten Parallelen zum symbolischen Rahmen der Nazis kritisiert. So verweise das Wort „Sammelstelle“ auf die Büchervernichtung. „Es handelt sich hier um eine falsch verstandene Solidarität der Einrichtungen, die diese Sammelaktion unterstützen“, erklärt Arend.
Stéphane Bauer, der Leiter des Kunstraumes Kreuzberg/Bethanien, ist einer dieser Unterstützer. Zwar kann er die Heftigkeit der Kritik und der Polemik gegen Zet nicht nachvollziehen, da er darin keineswegs den Aufruf zu einer Bücherverbrennung erkenne. Nun gebe es sie aber nun mal, die öffentliche Diskussion, und wo, wenn nicht an einem öffentlichen Ort, ließe sich diese besser führen? Der Kunstraum Kreuzberg/Bethanien ist ein solcher Ort.
"Keine historische Dimension"
Auch Sebastian Wehrhahn von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus sowie Koray Yilmaz-Günay, Referent für Migration der Rosa-Luxemburg-Stiftung, haben kein Verständnis für die „Unterstellungen“ und die Hysterie um das Kunstwerk. „Für mich ist hierbei keine historische Dimension ersichtlich“, erklärt Wehrhahn.
Yilmaz-Günay bekräftigt, dass er keine Meinung darüber habe, ob er Zets geplante Installation für ein gutes oder ein schlechtes Kunstwerk halte. Nur für Ingo Arend, so scheint es, ging es an diesem Abend auch um ästhetische Kriterien: "Es fehlt der Installation an Ästhetik, an symbolischen Elementen, an Substanz", argumentiert der "Taz"-Redakteur und Monopol-Autor. Für ihn ist dieses Projekt ein Beweis dafür, dass Aktionismus nicht zwangsläufig ein Merkmal von guter Kunst ist. Ein gutes Kunstwerk verändere schließlich die menschliche Wahrnehmung. Zets Installation tue das nicht.
Żmijeswki ist da anderer Meinung. Für ihn handelt es sich hierbei um politische Kunst, die in die Realität wirkungsvoll eingreift. „Zets Kunstwerk generiert einen substanziellen Wandel. Der Akt des Buch-Loswerdens ist nicht nur symbolisch, sondern auch substanziell.“ Für Żmijewski bedeutet Zets Arbeit einen Lösungsansatz, abseits der täglichen Debatten. Was am Ende dabei herauskommen wird, kann sich erst zum Beginn der Biennale am 27. April zeigen. Zu einer Installation gehören allerdings etwas mehr als fünf Bücher. Stéphane Bauer spricht in diese Zusammenhang von einem Dilemma, in das die Kunst gerät, wenn sie mit der Realität interagieren will.
Im Vorfeld der Berlin-Biennale entsteht neue Politikkunst: Nicht immer ist gut gemeint auch gut. Unseren Kommentar finden Sie in Monopol 3/2012




