Magnus Renfrew, Chef der Art HK, im Interview
„Warum ich, warum jetzt, warum Hongkong?“
Während die westlichen Kunstmessen ständig an sich arbeiten, um ihre Marktanteile zu behaupten, startet Magnus Renfrew mit der Art HK nach oben durch – mit immer mehr internationalen Großkalibern in der Ausstellerliste
Als Sie 2007 anfingen, war Hongkong eine kulturelle Einöde. Was ist seither geschehen?
Das würde heute, nur fünf Jahre später, kein Mensch mehr sagen! Die Stadt hat sehr viel Selbstbewusstsein bekommen. Namhafte Museumsleute leiten hier jetzt neue Großprojekte wie das Kulturquartier West Kowloon. Lars Nittve ist Direktor des geplanten Ausstellungshauses Museum Plus (M+) geworden. Herzog & de Meuron bauen eine Kunsthalle. Und Galerien wie Gagosian und Ben Brown haben hier Dependancen, White Cube eröffnet in Kürze. Dass sie alle, bevor sie diesen Schritt gemacht haben, an der Art Hong Kong teilgenommen hatten, ehrt uns natürlich.
Wie haben Sie anfangs Galerien davon überzeugt, an eine Messe in der Diaspora zu glauben?
Hongkong war ja schon immer ein Handelszentrum mit großer Strahlkraft und Bedeutung für Asien. Wir waren überzeugt, dass das auch für die Kunst gelingt, ein Magnet für die gesamte Region zu werden. Am Anfang war es allerdings wirklich harte Arbeit und eine große Herausforderung. Ich hatte 40 Flüge in drei Monaten, nach Mumbai, Miami, London, Shanghai, Seoul, Singapur, Paris und so weiter. Ich halte es für wichtig, dass man die Gespräche mit den Galerien erst mal persönlich führt.
Auch in Berlin?
Nein, Berlin war damals noch nicht dabei, aber seit letztem Jahr nimmt Neugerriemschneider teil und in diesem Jahr auch Eigen + Art. Die Fragen „Warum ich, warum jetzt, warum Hongkong?“ haben sich natürlich erst mal ausnahmslos alle gestellt. Aber es gibt sehr viele gute Gründe. Der Auktionsmarkt ist jung, aber er ist bereits der drittgrößte nach New York und London. So gibt es gerade auch hier in Asien mehr Milliardäre als in Europa, und diese Entwicklung scheint anzudauern.
Was ist mit dem einheimischen Schwergewicht, was kauft ein superreicher Chinese?
Ich bin vorsichtig mit Generalisierungen, aber ich würde sagen, es ist eine ziemlich natürliche Sache, wenn sich der Kunstgeschmack erst mal vor dem eigenen Background entwickelt. Zum Beispiel mit traditionellen Werken anzufangen, sich dann zur Gegenwart vorzuarbeiten und sich dann im internationalen Bereich umzusehen. Chinesische Sammler fangen gerade an, sich für Künstler aus Südafrika, aus Deutschland oder Großbritannien zu interessieren. Und mit Galerien wie White Cube, Gagosian, Hauser & Wirth, Sadie Coles und Lisson haben wir hohe, globale Qualität: So gibt es einerseits Bluechip-Werke zu sehen, andererseits auch viel Raum für Entdeckungen.
Was verändert sich für die Art Hong Kong, wenn Sie jetzt zum ersten Mal mit der Art Basel kooperieren?
Das Team ist dasselbe geblieben, aber wir profitieren natürlich von der Erfahrung und Expertise. Im Moment haben wir sehr anregende und spannende Gespräche mit dem Floorplan-Designer von der Art Basel und Art Basel/Miami Beach, und natürlich ist sie hinsichtlich VIP-Beziehungen ein toller Partner, wenn es darum geht, Leute nach Hongkong zu bringen.
Übernehmen Sie auch Ausstellungsformate der Art Basel?
Wir nennen es „Art HK Projects“: ein neues Konzept, es wird zehn Ausstellungsflächen von je 100 Quadratmeter Größe geben, auf denen einzelne großformatige Werke gezeigt werden. Hier ist die „Art Unlimited“ durchaus Vorbild gewesen.
Hat die Zusammenarbeit auch Auswirkungen auf das Auswahlkomitee?
Nein, hier arbeiten wir wie zuvor mit sechs ausgewählten Experten zusammen, die ihre Erfahrung in der Region haben.
Was ist Ihnen wichtiger, die globale Ausrichtung oder das Profil?
Wir haben natürlich großen Respekt vor der lokalen Identität des Ortes, und dem versuchen wir auch dadurch Ausdruck zu verleihen, dass wir 50 Prozent Galerien aus Asien haben und 50 Prozent aus dem Rest der Welt.
… und Asien fängt wo genau an?
Von der Türkei bis Indonesien oder sogar Australien. Uns ist es wichtig, den sehr unterschiedlichen ästhetischen Backgrounds Rechnung zu tragen. Ich glaube im Übrigen auch, dass das genau das ist, was eine Messe heute tun sollte.
Das heißt, nicht nur nach immer neuen spendablen Käuferschichten Ausschau halten, sondern auch nach einer anderen Kunst?
Genau. Ich bemerke gerade in der Kunstwelt allgemein einen gewissen Messeüberdruss: Überall dieselben Künstler, Namen und Galerien an verschiedenen Orten – sei es nun in London, Miami oder Basel. In Hongkong wollen wir die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse auch sichtbar machen. Geografische Vielfalt war von Beginn an eines unserer Hauptanliegen.
Wie sieht es mit kulturellen Differenzen aus – passt der Habitus der Galerien aus dem Westen denn sofort nahtlos in die Businesskultur von Hongkong?
Um es vorsichtig auszudrücken: Da war ein bisschen Unterstützung nötig. Es kommt nicht gut an, wenn man hinter seinem Tisch sitzt und mit dem Blackberry spielt, während sich Interessenten gerade die Kunstwerke anschauen. Hier muss man aufmerksam sein, den Besuchern das Gefühl geben, dass man es sehr zu schätzen weiß, dass sie einen besuchen, und einladend wirken. Sonst wird das nichts. Ich habe auf der letzten Art Basel/Miami Beach einen kleinen Kurs zu dem Thema gegeben.
ART HK 12, 17.-20. Mai 2012
Dieser Artikel erschien in Ausgabe 03/2012. Sie können das Heft hier bestellen.
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