Art HK 2012 - Hong Kong International Art Fair
Schaulaufen in Hongkong
Lost in Translation: Die erste Ausgabe der Kunstmesse Art HK unter der neuen Leitung durch die Art Basel zieht mehr westliche Aussteller nach Hongkong. Sie begegnen dem fremden Markt mit einer Mischung aus Neugierde und Unsicherheit
Kurz vor Mitternacht gibt es kein Halten mehr für Anselm Kiefer. Der Künstler, auf dessen Schultern sonst ja das Gewicht von zwei Weltkriegen und zwei Jahrtausenden christlich-jüdischer Geschichte lastet, hat das Zentrum der Tanzfläche erobert, er dreht sich und reißt die Arme in die Höhe und manchmal hüpft er, wenn auch weitgehend unabhänging vom Beat des Proll-Techno. Es ist die Aftershow-Party der Londoner Galerie White Cube, die einige Stunden zuvor mit neuen Werken des Künstlers ihre Hongkong-Dependance eröffnet hat. Kiefer feiert sich jetzt also ein bisschen selbst für eine Schau, die manchen schon aufgrund der Anzahl der Arbeiten in Erstaunen versetzt, viele andere aber auch fassungslos gemacht hat: Musste er wirklich ausgerechnet für diese Schau kleine Mao-Porträts auf seine Gemälde setzen? Ist diese Geste bloß selbst entblößend oder schon patronisierend?
Wie gibt man sich, wie tritt man auf in dieser Stadt, die zum neuen Global Player des Kunstmarkts werden will, aber vorerst nicht zu erkennen gibt, nach welchen Regeln man zu tanzen hat? Die Entwicklung Hongkongs ist beeindruckend: Die Stadtverwaltung hat durch kluges Investment den Bau neuer Kunstzentren und Museen wie M+ angestoßen, westliche Galerien wie White Cube, Gagosian, oder Emmanuel Perrotin angelockt. Der Londoner Simon Lee, der seine neuen Räume mit Werken von Sherrie Levine einweiht, sagt: "Wir hatten neulich 20 Chinesen zum Lunch bei uns, drei von ihnen bauen sich gerade Privatmuseen."
Nicht zuletzt befeuert die Übernahme der Art Hong Kong durch die Art Basel den Boom. Die Euphorie wird vielleicht nur noch übertroffen von der Unsicherheit: So sehr die Chinesen die Anerkennung durch den Westen schätzen, so empfindsam sind sie für spätkolonialistisches Gehabe.
Die Messe, die am Mittwoch mit einem gewaltigen Besucherstrom eröffnet hat, hält rein zahlenmäßig die Balance: Etwa die Hälfte der rund 270 Aussteller stammen aus dem asiatischen Raum, die andere Hälfte aus den USA und Europa. Es ist, im fünften Jahr der Messe, die bislang stärkste Ausstellerliste, sicherlich begünstigt durch das Renommee der Art Basel. Viele der West-Galerien sind zum ersten Mal auf der Messe, und man merkt selbst Schwergewichten wie Gagosian, Hauser & Wirth oder Marlborough das Bemühen an, sich bei Sammlern bekannt zu machen, die ihr Geld bislang überwiegend bei heimischen Händlern lassen.
"Niemand weiss, mit welchen Kunden man es hier zu tun hat, welche Künstlernamen hier bekannt sind, welche Tendenzen gerade gefragt sind", sagt Harry Scrymgeour von der Galerie Michael Werner. Man habe ein Statement machen, dem Auftritt Gewicht verleihen wollen und sich daher für eine von dem St. Petersburger Kurator Dimitri Ozerkov zusammengestellte Überblickschau deutscher Kunst entschieden, die von Paul Klee, Hans Arp und Max Ernst bis zu Sigmar Polke und Georg Baselitz reicht.
Das Angebot auf der Messe ist streckenweise beeindruckend, viele der westlichen Galerien setzen auf Blue-chip-Kunst in der Hoffnung, dass die Künstler auch in Asien ein Begriff sind. Doch nicht immer ist die Präsentation so dezent und fast schon museal wie bei Michael Werner: Man sieht viel Marktschreierisches, das zu Vorkrisenzeiten auch gut auf die Art Basel / Miami Beach gepasst hätte, und einige Kojen borden schlicht über: Da man nicht weiss, was sich verkauft, hat man offenbar schlicht das ganze Portfolio mitgebracht.
Die New Yorker Galerie Sperone Westwater verfährt andersherum. "Wir wollten uns auf den Kontext vor Ort einlassen und zeigen Arbeiten von Chinesen oder von Künstler wie Wim Delvoye, die bereits Museumsausstellungen in der Region hatten", erklärt ein Sprecher der Galerie. Der Berliner Ulrich Gebauer setzt auf eine ähnliche Strategie und ist mit eine Videoarbeit von Aernout Mik angereist, die in Hongkong entstand, sowie Malerei von Kailiang Yang, dem einzigen von ihm vertretenen Chinesen. Was bei diesen Kojen, auch durch die Mischung der Arbeiten überzeugt (Sperone Westwater zeigt auch Malerei von Malcolm Morley; Gebauers erster Verkauf ist eine Wandarbeit von Asta Groening), wirkt an anderen Ständen so anbiedernd wie Kiefers Mao-Bilder.
Anders als im Vorjahr sind die westlichen und die asiatischen Galerien in diesem Jahr nicht auf getrennten Etagen untergebracht, manche Kojenwand wirkt dennoch wie eine kulturelle Grenze. Er habe einem chinesischen Sammler erklären müssen, wer Matthew Barney ist, klagt Simone Battisti von der New Yorker Gladstone Gallery. Doch als westlicher Beobachter ergeht es einem mit den Stars aus der Region ja nicht anders, irrt man durch Kojen, die einem absolut fremd bleiben. Und vielleicht ist das ja auch gar nicht so schlimm.
Am Ende überzeugen auf dieser Messe die Galerien, die sich unverfälscht zeigen. Maureen Paley hat an der Aussenwand ihrer Koje ein fantastisches Werk von Gert & Uwe Tobias angebracht, wer hineintritt, entdeckt Fotografien von Gillian Hearing und Wolfgang Tillmans, eine Skulptur von Liam Gillick, Malerei von Michael Krebber. "I don't know if I translate", sagt die Londoner Galeristin, "but this is who I am." Man muss nicht alles übersetzen.
Art HK 12, Hong Kong International Art Fair, 17. bis 20. Mai
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