Reviews

Lewis Baltz in Bonn

Die Unschuld vom Rande

Beobachtungen von der Peripherie: Die erste deutsche Retrospektive des US-amerikanischen Fotografen Lewis Baltz

von Alexandra Wach
22.05.2012

Wenn man das erst seit einem Jahrzehnt wiederentdeckte Frühwerk des 1945 geborenen Lewis Baltz betrachtet, erstaunt es nicht sonderlich, dass er seinen Wohnsitz neben Paris ins pittoresk bröckelnde Venedig verlegt hat. Das Faible für Zeichen des Verfalls hat sich der einstige Kombattant der „New Topographics“ offenbar bis ins Alter erhalten. Inzwischen berühmte Serien wie „Prototype Works“ (1967-76) oder „The New Industrial Parks Near Irvine“ (1973-75) lassen gleich im ersten von vier Sälen keinen Zweifel daran, dass es sich bei dem jungen Baltz, der schon mit 26 Jahren bei Galerist Leo Castelli ausstellte, um einen überaus wählerischen Architekturvermesser gehandelt haben muss. In seinem Fokus stand nicht etwa die Wiedergabe von Realität, sondern Bildgestaltung mit den einfachsten Mitteln.

Tatsächlich kann man beim Durchstreifen der ersten deutschen Retrospektive, die Kurator Stefan Gronert mit wichtigen Leihgaben bestücken konnte, die minimalistische Aura der Schwarzweißaufnahmen erspüren. Meist ragen skulpturale Gegenstandsrelikte ins knapp angeschnittene Motiv: eine einsame Karosserie vor schwarzem Hintergrund, Schriftzüge und geometrische Details auf Hausfassaden, Spiegelungen von Dachantennen in Schaufenstern.

Den ökologisch verheerenden Bau eines Industrieparks auf Kosten der uramerikanischen Wildnis kommentiert er mit klinischer Kälte, die sich über die normierten Bürohallen legt. Man könnte diese Beobachtungen von der Peripherie einem politisch unschuldigen Blick zuordnen, wäre das Licht nicht so unwirklich und die menschliche Spezies wie nach dem Einsatz einer Neutronenbombe gänzlich abwesend.

Skeptisch gegenüber dem Fortschritt
Skeptisch gegenüber den Verheißungen des Fortschritts gibt sich auch die „Candlestick Point“-Serie (1989). Die topographische Aufarbeitung einer Landschaft aus Schutt und Müll, Abzugsgräben und Stauwasser überführt der diskrete Agitator in ein streng angeordnetes Linienmuster, das sich im vertrockneten Boden scheinbar zu einer Installation der Land Art verdichtet. Mitunter taucht in dem wandfüllenden Arrangement aus kleinformatigen Abzügen Farbe auf. Eine Neuorientierung bahnt sich an. Die Serien werden kürzer, tendieren dafür zum Großformatigen.

In den 90ern zieht es den Kalifornier nach Europa. Hier entstehen Panoramen, die sich gesellschaftlichen Fehlentwicklungen mit starken Farbkontrasten nähern. Es geht um die Kontrolle durch Überwachungskameras, oder die Nuklear- und Telekommunikationsindustrie, deren Produktionsstätten erschreckend sterilen Strafzellen ähneln.

Kunstmuseum Bonn, bis 2. September 2012

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