Urs Fischer im Palazzo Grassi
Ernste Scherze und leises "Fuck-off"
Urs Fischer erweist sich in Venedig einmal mehr als der Punk unter den Pop-Künstlern
Wie schafft er es, was vielen seiner Pop-Art-Kollegen längst nicht mehr gelingt: den Sinn wach zu halten? Mit ernsten Scherzen und leisen „Fuck off“-Gesten. In seiner Einzelschau „Madame Fisscher“ in Venedig lässt Urs Fischer einen Fellschwanz hinter einer Säule in François Pinaults Palazzo Grassi wedeln. „Keep It Going Is a Private Thing“ (2001) nennt er ihn, ein Titel, den Fischer ironisch meinen muss. Sobald die Besucher ihren Blick heben, stellt sich die Wedelei als Kommentar zu Jeff Koons’ Hundeskulptur „Balloon Dog (Magenta)“ heraus, der weiter hinten den Eingangsbereich füllt.
In Venedig erweist sich Urs Fischer einmal mehr als Punk unter den Pop-Artists. Der 39-jährige Züricher mit Wohnsitz New York bietet seinen Kollegen Damien Hirst, 46, oder Koons, 57, nicht nur kunstmarkttechnisch die Stirn (sein Bronze-Teddy mit Lampenschirm wurde für 6,8 Millionen Dollar verkauft, er beschäftigt 15 Mitarbeiter in seinem Atelier), auch er greift Kunstgeschichte auf und biegt sie um. Lebensgroß hat er sich in Paraffin gießen lassen, Dochte inklusive. Bei der vergangenen Venedig-Biennale schmolz die Wachsnachbildung von Giovanni Bolognas „Der Raub der Sabinerinnen“ dahin. Im Palazzo zündet sich der Künstler nun selbst an, wird niederbrennen in einer dreimonatigen Vanitas. So stellt Fischer Symbolwert und Fetischcharakter der Kunst infrage. Und arbeitet daran, wie Formloses Form, wie Materie Körper erhält. Ob zerdrückte Zigarettenschachteln oder zu Würmern geknetete Masse, Fischers Antworten sind verblüffend beiläufig.
Wenn Fischer didaktisch wird, kann es auch knirschen. Das Aktmodell, eine Kunststudentin, lockt die Besucher an, um sie herum grob geformte Bronzefiguren, die Fischer mit seinem ehemaligen Lehrer Georg Herold realisiert hat. „Necrophonia“ (2011) besteht aus mehreren sitzenden und liegenden Figuren, einem Fuß, mit Nägeln durchbohrt. Die Kombination von nackter Frau und Bronze soll das Verhältnis von lebendigem und zum Objekt erstarrtem Körper vorführen. Angesichts der Gänsehaut der den Blicken ausgesetzten jungen Frau fragt man sich aber, wo die künstlerische Geste endet und wo Voyeurismus oder Fetischismus beginnt. Und ob nicht jeder Figur im Ausstellungsraum ihre Würde abhandenkommt.
Palazzo Grassi, Venedig, bis 15. Juli 2012
Dieser Artikel erschien in Ausgabe 06/2012. Sie können das Heft hier bestellen.
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