"Abstract City" von Christoph Niemann
Lebenslinien
Die bestürzend einfachen Arbeiten des Grafikers Christoph Niemann gibt es nun auch in Buchform
„Weitestgehende Reduktion“, sagt der Illustrator, sei sein Geheimnis. Was er damit genau meint, zeigt sich geballt im Band „Abstract City. Mein Leben unterm Strich“. Die Bilder beruhen oft auf absolut einleuchtenden Ideen. Damit ist der 1970 geborene Christoph Niemann inzwischen sowohl in Deutschland wie in den USA eine Größe. Für den „Kunst-Knigge“ in Monopol 5/2011 zeichnete er seine Gedanken zum schwierigen Thema „Krawatten im Kunstbetrieb“ auf. Seine bekannteste und zugleich ernsthafteste Arbeit ist das Magazincover des „New Yorker“ anlässlich des Reaktorunfalls von Fukushima im März vergangenen Jahres: ein karger japanischer Kirschbaum, an dem rosafarbene Radioaktivitätssymbole blühen, vor schwarzem Hintergrund. Alles ist vereint, die Natur, die auf die von Menschen gemachte Katastrophe trifft, die Trauer.
Die Illustrationen in „Abstract City“ erschienen zuerst in dem gleichnamigen Blog, das Niemann seit Langem für die „New York Times“ betreibt (mittlerweile in „Abstract Sunday“ umbenannt). Die meisten Einfälle dafür schaut er seinem Leben ab, um dann etwa die Überlegungen festzuhalten, welches Kunstwerk von Weltrang sich wohl am besten dazu eignen würde, als Kachelmosaik das Bad seiner Berliner Wohnung zu schmücken: Tizians „Madonna mit dem Kaninchen“ („zu weit hergeholt“), David Hockneys „A Bigger Splash“ („ein bisschen zu viel Kalifornien für Berlin“) oder Gerhard Richters „Kerze“ („nicht fidel genug“)?
Trotz Niemanns Liebe zur Kunst liegt es ihm fern, diesen Status für die eigenen Werke zu beanspruchen: „Wenn ich denke, dass der Leser nicht lustig findet, was ich vorhabe, mache ich es nicht. Ein Künstler hätte da wohl mehr Selbstbewusstsein.“ Das Funktionsprinzip seiner Zeichnungen ist also das Einverständnis, das er zwischen sich und dem Betrachter herstellt. Christoph Niemann sieht beim Zähneputzen jetzt übrigens, auch das verrät das Buch, auf Joseph Beuys’ „Fettecke“.
Christoph Niemann: "Abstract City. Mein Leben unterm Strich". Knesebeck, 272 Seiten, 19,95 Euro
Christoph Niemann ist am 6. Juni außerdem zu Gast im Kulturjournalistischen Salon der UdK Berlin, 19 Uhr.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe 06/2012. Sie können das Heft hier bestellen.
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