Adrian Lohmüller im Kunstverein Harburger Bahnhof
Rasen, der stillstand
Mit einer gigantischen Indoor-Rasenfläche lädt Adrian Lohmüller im Kunstverein Harburger Bahnhof zum entspannten Verweilen - und schafft einen Gegenort zur Rastlosigkeit der Mobilitätsgesellschaft
Es riecht nach frischer Erde. Gras wächst, wohin das Auge blickt. Dazu ein frischer Windzug und die unüberhörbaren Geräusche von ein- und ausfahrenden Intercitys, Regionalbahnen und vorbei-donnernden Güterzügen. Für seine Intervention „And To Make You Toe The Line“ im Kunstverein Harburger Bahnhof hat der 1977 geborene Berliner Adrian Lohmüller den gesamten Fußboden in eine gigantische Rasenfläche verwandelt. Die großen Fenster sind weit geöffnet und gewähren auch Schmetterlingen und anderem Getier den Zugang. In den nächsten Wochen könnte hier ein spannendes Biotop entstehen.
Lohmüller verwischt die Grenzen zwischen Innen- und Außenraum, Natur und Technik, Erholung und Fortbewegung. Die große Rasenfläche lädt zum Relaxen, Sonnen oder Picknicken ein. Drumherum aber herrscht die permanente Rastlosigkeit der Mobilitätsgesellschaft, die sich den Transfer von Arbeitskräften und Touristen, Rohstoffen und Konsumartikeln auf die Fahnen geschrieben hat. Lohmüller dagegen schafft mit seinem großen Rasenstück einen sozialen Raum, der diese schnelllebige Logik mit einem bühnenhaften Gegenort des entspannten Verweilens konterkariert.
Normen des Wartesaals
Lohmüller bezieht sich zugleich auf den historischen Ort. Der jetzige Ausstellungsraum wurde Ende des 19. Jahrhunderts als exquisiter Wartesaal für Bahnreisende Erster Klasse errichtet. Das damalige Exklusivitätsversprechen wurde durch Kassettendecken, Holzvertäfelungen, edle Speisen und exotische Phönixpalmen unterstrichen. Lohmüllers an einigen Stellen bereits abgewetzter Rasen dagegen kommt wesentlich profaner - aber auch demokratischer daher. Bei freiem Eintritt ist hier jeder willkommen. So werden die vorgegebenen Normen des einstigen Wartesaals, aber auch die des White Cube in Frage gestellt.
In einem Séparée präsentiert Adrian Lohmüller noch eine Videoarbeit: Deren Titel „Speaker‘s Corner“ (2012), bezieht sich auf die berühmte Ecke im Londoner Hyde Park, die jedermann das Recht auf freie Rede gewährt. Der neun-minütige Loop zeigt einen aggressiv bellenden und sabbernden deutschen Schäferhund. Allerdings hat das Video keine Tonspur. Die durch den Titel behauptete „Meinungsfreiheit“ des Hundes, in Zeiten der tierfreundlichen Documenta (13) ja ein hochaktuelles Thema, verkommt zur stummen Geste.
Bellen verboten
Auch wenn er seine Arbeiten inhaltlich ganz anders auflädt: Lohmüller, der in Baltimore studiert hat, benutzt, zitiert und persifliert das ästhetische Vokabular der amerikanischen Land Art und Konzeptkunst der 1960er und 1970er Jahre. Seine Raseninstallation ruft Walter de Marias berühmten „Earth Room“ in New York ins Gedächtnis. Und der nur auf das Handzeichen eines Hundetrainers hin bellende Schäferhund erinnert an Jack Goldsteins 1974 entstandenen Experimentalfilm „Shane“, der das aggressive Bellen als bloß andressierte Verhaltensweise eines Hollywood-Hundes vorführte.
Betreten der Grünfläche erlaubt, Bellen verboten: Wer hier wen in welche Bahnen lenkt, wohin der Zug fährt und auf welchen Reisen sich der übliche Kunstdiskurs so bewegt - auch über solche Fragen kann man sich in Lohmüllers ambivalent aufgeladenen Wartesaal-Stadtpark wunderbar verlieren.
Kunstverein Harburger Bahnhof, Hamburg, bis 29. Juli 2012
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