Alfredo Jaar in Berlin
Vorsicht, Kamera!
Der Künstler Alfredo Jaar fragt in Berlin nach der Wirkung von Bildern
- Alte Nationalgalerie
- Berlinische Galerie
- Galerie Thomas Schulte
- Neue Gesellschaft für Bildende Künste e.V.
Glücksratgeber sollen in westlichen Demokratien der Selbstoptimierung dienen. In einer Diktatur kann die scheinbar harmlose Frage nach der privaten Zufriedenheit ernsthaftere Konsequenzen haben. Sagt der Befragte die Wahrheit und kritisiert die Lebensverhältnisse, riskiert er womöglich eine Gefängnisstrafe, im allerschlimmsten Fall drohen Folter oder Tod.
Der 1956 in Santiago de Chile geborene Alfredo Jaar erkundigte sich dennoch nach der Gefühlslage seiner Landsleute und platzierte den Satz „Sind Sie glücklich?“ im öffentlichen Raum, auf Plakatwänden und an Bushaltestellen. Er führte Videointerviews und stellte das Gesamtpaket in einer Fotodokumentation aus. Kurz danach, 1981, verließ der ausgebildete Architekt das von einer Militärjunta regierte Chile. Seitdem fragt Jaar von New York aus nach der Wirklichkeit und Wirkung von Bildern im Zusammenhang mit der Zeitgeschichte.
Die Ergebnisse seiner weltweiten Recherchen zeigt der zweifache Documenta-Teilnehmer nun in Berlin unter dem Titel „Alfredo Jaar – The way it is. Eine Ästhetik des Widerstands“, und das gleich an drei Orten. Selten vorgeführte frühe Projekte in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (zu denen auch die erwähnten „Studies on Happiness“ zählen) zum Beispiel oder, in der Berlinischen Galerie, Installationen, die während eines Stipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdiensts entstanden.
„A New World“, eine nüchterne Serie eines in der Euphorie des Mauerfalls zurückgelassenen Kinderwagens, trifft auf vermeintlich unschuldige Urlaubsbilder aus Ruanda, die erst durch begleitende Wandtexte als Tatorte entziffert werden – nur eine von acht Arbeiten, die sich dem Krisenkontinent Afrika jenseits der oft blutigen Darstellungen der Massenmedien widmen. In der Installation „The Sound of Silence“ etwa tauchen aus dem Nichts Blitzlichter auf, die den Betrachter zum Objekt machen und ihn für ein paar Augenblicke spüren lassen, was die Dokumentar- und Kriegsfotografie tagtäglich liefert: Schüsse.
Berlinische Galerie, Berlin, bis 17. September. Eröffnung: 14.06.2012, 20.30 Uhr
Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin, bis 19. August, Eröffnung: 14 Juni, 19 Uhr
Alte Nationalgalerie, Berlin, bis 16. September.
Ergänzend: „Kultur – Kapital“, Galerie Thomas Schulte, Berlin, bis 23. Juni.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe 06/2012. Sie können das Heft hier bestellen.
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