Avner Ben-Gals Künstlerbuch „Biogenetics“
Jenseits von Sprache
Unanständig wild und brutal deformiert Avner Ben-Gal Körper auf Papier
Der Titel seines neuen Künstlerbuchs wirkt wie das Phantombild des Erzverbrechers: eine grobe Assemblage von strubbeligem Haar, dicken, miteinander verbundenen Augenbrauen, überproportional großen Lippen und einem leeren Blick. Dafür, dass es ein sarkastischer Verweis auf plastische Chirurgie oder Gentechnik sein könnte, spricht auch der Titel „Biogenetics“. Sicher kann man allerdings nicht sein: Die Unschärfe zwischen Oberfläche und Ausdruck ist es gerade, die den israelischen Künstler Avner Ben-Gal interessiert.
Eben war eine Ausstellung mit Hinweis auf denselben Titel bei Sadie Coles HQ in London zu sehen. Und der künftige Direktor des Museums Ludwig, Philipp Kaiser, kuratierte bereits 2009 eine Soloshow im Tel Aviv Museum of Art mit Avner Ben-Gal und trug einen Text zum Band bei.
„Biogenetics“ zeigt 90 Arbeiten auf Papier, die Ben-Gal während weniger Monate gezeichnet hat und die immer komplexer werden, immer überladener sind mit Ziffern, Figuren und Referenzen. Buchstaben liegen wie sinnlose Zeichen herum: „Biogenetics“ liegt jenseits der Bedingungen von Sprache.
In „Withdrawal“ sitzt der Kopf eines alternden Manns mit Halbglatze und Pferdeschwanz auf einem Schweizer Messer, das den Boden durchpflügt. Die blauen Bleistiftlinien wurden schnell und souverän gezogen, hören aber nie auf, sich als ebensolche zu zeigen. Wie eine optische Illusion erscheint und verschwindet die Figur des Messermanns, die Geschichte zerfällt in ihre Bildelemente im selben Moment, in dem sie erzählt wird.
Keine direkten Bezüge zur Politik
Ben-Gals Bilder haben Dringlichkeit, sie sind spastisch, brutal, unanständig wild. Sie haben den dunklen Humor amerikanischen Punks – etwa der Plattencover der Dead Kennedys –, wenn er Symbole der israelischen Armee, Machoklischees, Kinderbücher aus den 50ern und Bilder aus den israelischen Medien benutzt. Dabei hat seine Arbeit keinen simplen direkten Bezug zu „Israel“ oder überhaupt einer politischen Frage.
Lebendige und tote Materie, Organisches und Künstliches, Tierisches und Menschliches morphen ineinander über. Batterien bringen Fleischklöße zum Leben, haarige Penisse verlieren die Kontrolle, ein Kamel wird von einem Mond gemolken. Ständig werden Körper deformiert. Form ist kein fester Zustand in Ben-Gals Arbeiten. Stattdessen wird der nach „Bedeutung“ forschende Betrachter mit einer Flut von Details konfrontiert. Vor allem aber mit dem Umstand, dass jeder Inhalt, der durch künstlerische Formen repräsentiert wird, instabil bleiben muss.
Avner Ben-Gal, Yael Bergstein: „Biogenetics“. Auf Englisch. Tel Aviv Museum of Art, 182 Seiten, 38 Euro
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