Reviews

Larry Clark in Berlin

Was heißt denn hier Moral?

Larry Clarks radikaler Realismus im C/O Berlin

03.07.2012
Mehr zu diesem Artikel:
Ort
Termin

Schlimm, schön, abstoßend, faszinierend, eklig, sexy und so weiter. Oder vielmehr: So kommt man nicht weiter, nicht vor dem Werk von Larry Clark. Ist ja längst bekannt, Clark und Moral bringen nur Spießer zusammen, die sich über seine Bilder drogenabhängiger junger Menschen oder die Sex- und Gewaltexzesse in „Kids“, dem ersten Spielfilm von 1995, empörten. Trotzdem ist es eine ganz eigene Erfahrung, in der Berliner Retro­spektive zu stehen, urteilsunfähig angesichts der bloßen Faktizität des Gezeigten.

Larry Clark konsumierte selbst, als er in seiner Heimatstadt Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma zu fotografieren begann, sein Standpunkt ergibt sich daraus. Die frühen Serien „Tulsa“ und „Teenage Lust“ zeigen seine Clique beim Nadelsetzen, beim Sex und beim Feiern, vor allem aber jugendliches Selbstbewusstsein, das sich keinen Mustern fügt. Diese Mittelklassekids Anfang der 60er-Jahre stehen finanziell über dem typischen Junkiemilieu und zeitlich noch vor dem subkulturellen Glamour der Hippies. Sie posieren und sind echt, Machos und vielleicht auch schwul, zu jung und auch zu alt für die Dinge, die sie tun.

Teenager brauchen keine Rechtfertigungen, Clark scheint sie in seinen späteren Arbeiten gesucht zu haben. Ab den 90ern stellt er in Collagen eigene Fotografien neben Zeitungsausschnitte über Missbrauchsfälle oder Abtreibungsdebatten, mischt so das Private mit dem Politischen. Künstlerisch eher schwach, entstehen die Werke bezeichnenderweise zu einem Zeitpunkt, als die Drastik aus Clarks ersten Aufnahmen unter dem Label Heroin-Chic zu Markte getragen wird.

Spricht man Larry Clark darauf an, dass heute jeder zweite Magazinfotograf seinen radikalen Realismus kopiere, knurrt er zurück, die Modewelt habe nur das eine Ziel: Klamotten zu verkaufen. Und markiert so den Grat zwischen Ethik und Moral.

C/O Berlin, bis 12. August

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 07/2012. Sie können das Heft hier bestellen.

KÜNSTLER IM ARTIKEL
ANZEIGE
AKTUELLES HEFT
Aktuelles Heft

Go West! Wo Berlins Zukunft liegt. Der Westen der Stadt erfindet sich neu

James Turrell Im Rausch des Lichts: Eine Reise in den Dschungel

Metahaven Das Amsterdamer Büro für Gestaltung erklärt Corporate Design für überflüssig

Die neue Lust am Handwerk Die Grenzen zwischen Handwerk, Design und Kunst verwischen, aber wo bleibt die gesellschaftliche Utopie?

Portfolio Candida Höfer Eine frühe Schwarz-Weiß-Serie zeigt die Künstlerin als Reisefotografin

Monopol 05/2013
AM KIOSK
AUF DEM iPAD
IM SHOP
ALS ePaper
ANZEIGE