Rineke Dijkstra in New York
Einsamer Vogel Jugend
Bilder von berührender Intimität: Rineke Dijkstras Fotografien und Videos im New Yorker Guggenheim Museum
Picasso sagte einmal, er könne zwar zeichnen wie Raffael, habe aber ein ganzes Leben gebraucht, um so zu zeichnen wie ein Kind. Ein Satz, den die niederländische Foto- und Videokünstlerin Rineke Dijkstra im Sinn gehabt haben mag, als sie 2009 „Ruth Drawing Picasso“ drehte: Ein Mädchen sitzt auf dem Boden der Tate Liverpool und malt hoch konzentriert nach einem Original des Meisters. Auch in „I See a Woman Crying (Weeping Woman)“ aus demselben Jahr spielen der Maler und der Nachwuchs die tragenden Rollen. Hier diskutiert eine Gruppe britischer Grundschüler Picassos Porträt der in Tränen aufgelösten Dora Maar ohne das Bildungswissen von Erwachsenen.
Fünf Videoinstallationen sowie rund 70 Fotoarbeiten der 1959 geborenen Künstlerin stellt das New Yorker Guggenheim Museum aus. Die Retrospektive in Kooperation mit dem San Francisco Museum of Modern Art umspannt Dijkstras gesamte 20-jährige Karriere. Schon in ihrer ersten Fotoserie „Beach Portraits“ (1992–1998) waren Jugendliche die Hauptakteure. Sie stehen in Badekleidung allein oder in Begleitung ihrer Freunde an Stränden in Polen, Kroatien, Belgien oder den USA frontal zur Kamera. Stets wählte Dijkstra eine Ganzkörpereinstellung, ihre Protagonisten wirken verletzlich, es entstanden Bilder berührender Intimität. Das Gleiche gilt für die Reihe „New Mothers“ (1994), bei der Dijkstra in radikal realistischer Manier junge Mütter unmittelbar nach der Entbindung fotografierte.
Dijkstras Interesse für den einzelnen Menschen wird noch deutlicher bei Werken, die sich mit Massenphänomenen beschäftigen, wie der hypnotischen Videoprojektion „The Krazyhouse (Megan, Simon, Nicky, Philip, Dee), Liverpool, UK, 2009“. Die Künstlerin hatte Stammgäste des Clubs Krazyhouse darum gebeten, zu ihren Lieblingssongs zu posieren und zu tanzen. Anders als etwa Mark Leckey, der mit seinen Filmen ganz ins britische Nachtleben eintaucht, betrachtet Rineke Dijkstra immer das Individuum, das zwar auch Produkt seiner Umgebung, aber letztlich auf sich allein gestellt ist.
Solomon R. Guggenheim Museum, 29. Juni bis 8. Oktober
Dieser Artikel erschien in Ausgabe 07/2012. Sie können das Heft hier bestellen.
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