Schorsch Kamerun und Andy Hope
Festungen der Einsamkeit
Die letzten ihrer Unterart: Der Künstler Andy Hope 1930 und der Sänger Schorsch Kamerun haben sich für ein Buchprojekt zusammengetan
Lonesome George haben Forscher eine Riesenschildkröte von den Galápagos-Inseln getauft, mitleidend, denn das kürzlich verstorbene Tier war wahrscheinlich die letzte ihrer Unterart. Schorsch Kamerun, Sänger der Band Die Goldenden Zitronen und Theaterregisseur, berichtet von dem vermeintlich armen Wesen in einem Band, den er gemeinsam mit dem Berliner Künstler Andy Hope 1930 (ehemals Andreas Hofer) veröffentlicht. Kamerun weiß zu berichten, dass Lonesome George alle Paarungsoptionen mit verwandten Spezies stolz ausschlug und Freizeitangebote wie Schwimmen oder Spazierengehen ablehnte. Klar findet der ewige Punk Kamerun das super.
Einsamkeit als Haltung, davon handelt „Am Abend sollte ich die Nacht ertragen“. Kamerun hat einen trotzigen Text geschrieben, der die Ablehnung von standardisierten Erlebnis- und Einkaufsidyllen nicht nur anspricht, sondern auch formal vorführt. Sein Cut-up-Verfahren zerreißt jede Narration. Die verbleibenden Erzählfetzen werden vorgetragen wie von einem irren Propheten in der Fußgängerzone. Den hat Lonesome Schorsch im Video zum Zitronen-Song „Positionen“ tatsächlich einmal gespielt.
Bärtige Eremiten in wallenden Gewändern blicken auch von vielen Arbeiten von Andy Hope 1930. Sie und andere einsame, wütende und traurige Figuren – Superhelden, Wonder Women, Götter, Höllenbewohner und Mutanten – aus Zeichnungen und Collagen sind im Buchdruckverfahren dem Text beigesellt. Sie illustrieren nicht das Geschriebene, sondern ziehen noch einmal eine Parallelebene auf, die schwer nach Abenteuerroman aussieht. Aber Sinn ist hier nicht so einfach zu haben.
Dass dieses Experiment nicht nur frustrierend und wirr wirkt, ist vor allem der liebevollen Gestaltung dieses Künstlerbuchs zu verdanken. Damit empfiehlt sich der neue Harpune Verlag in Wien auf allerschönste Weise.
Schorsch Kamerun, Andy Hope 1930: „Am Abend sollte ich die Nacht ertragen“. Auf Deutsch und Englisch. Auflage von 350. Harpune Verlag, 64 Seiten, 74,90 Euro
Dieser Artikel erschien in Ausgabe 07/2012. Sie können das Heft hier bestellen.
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