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"Deftig Barock" in Zürich

Wer karikiert hier wen?

Schwere Kost: In der Ausstellung "Deftig Barock. Von Cattelan bis Zurbarán" im Kunsthaus Zürich stellt Kuratorin Bice Curiger Herzhaftes aus Barock und Gegenwart nebeneinander

von Tenzing Barshee
15.07.2012

Nicht in der Mitte des Bildes, aber im Zentrum des Blicks liegt ein gehäuteter Rinderkopf. Sein schwarzes Auge starrt zurück und provoziert Lust und Ekel. Pieter Aertsens Gemälde „Die Fleischauslage“ (1551–55) umschmeichelt das zentrale Sujet des Barock im Hintergrund mit religiösen Szenen und setzt es im Bildvordergrund rücksichtslos in Szene: eine zerhackte Delikatesse, Symbol der Vergänglichkeit.

Aertsens Werk ist einer der Lichtpunkte der von Bice Curiger kuratierten Ausstellung „Deftig Barock“ im Kunsthaus Zürich und zugleich so etwas wie eine logische Pointe. Schon bei der vergangenen Venedig-Biennale erprobte Curiger, wie die Altmeistermalerei eines Tintoretto mit der filmischen Drastik eines Jack Goldstein zusammenwirken könnte. In Zürich soll sich etwas „Deftiges“ aus der Gegenüberstellung von Barockmalerei und zeitgenössischer Kunst in der Schau entfalten, die mit großem Aufwand konzipiert wurde. Selbst vor einem Manifest wurde nicht zurückgeschreckt. Es gehe nicht um Motiv- und Form­analogien zwischen Gegenwartspositionen und barocker Malerei, heißt es. Viel eher sollen Welten aufeinanderknallen, Techniken des Filmschnitts (wie der Trick, zwei Autos in getrennten Aufnahmen von links und rechts aufeinander zurasen zu lassen, nur um kurz vor dem Aufprall zu enthüllen, dass beide Fahrzeuge auf verschiedenen Straßen unterwegs sind) dienen als Vorbild und bereiten ein Problem: Ihre Wirkung bleibt aus. Spannung mag im Kunsthaus Zürich jedenfalls nur selten aufkommen.

Alte Meister wie Gegenwartskünstler sind überwiegend in museal-statischer Manier inszeniert. Tobias Madison ist eine Ausnahme: Der von ihm geschaffene Kinoraum mit Stühlen und seine raumgreifenden Installation realisiert heute das Welttheater von gestern als gelungene Kulisse für die barocke Malerei. Das deftige Surplus verschwindet zwischen Comicseiten von Robert Crumb, einer Wandskulptur von Maurizio Cattelan und den sie umgebenden Gemälden mythischer Geschichten dagegen eher im Allegorischen. Um die Ecke: ein kühl-grausames Selbstporträt von Cindy Sherman und ein kleinformatiges Bild eines zur Seite aufgeschnittenen Schweins, die Fragen zurücklassen. Zum Beispiel: Wer karikiert hier wen?

„Deftig Barock. Von Cattelan bis Zurbarán. Manifeste des prekär Vitalen“, Kunsthaus Zürich, bis 2. September 2012

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 07/2012. Sie können das Heft hier bestellen.