Reviews

Alice im Wunderland der Kunsthalle

Hamburg und der weiße Hase

Die Hamburger Kunsthalle erzählt die beinahe 150 Jahre lange Rezeptionsgeschichte von Lewis Carrolls Buch „Alice im Wunderland“

von Antje Stahl
02.08.2012

Zwei Wandtexte hängen in der Hamburger Kunsthalle, im Treppenhaus zwischen den beiden Ausstellungsgeschossen, wo zahlreiche Werke die beinahe 150 Jahre lange Rezeptionsgeschichte von Lewis Carrolls Buch „Alice im Wunderland“ nacherzählen. In den Texten haben die Austellungsmacher Annabelle Görgen-Lammers, Hubertus Gaßner und Christoph Benjamin Schulz mit Zitaten aus Carrolls Schriften zwei wichtige kuratorische Fußnoten gesetzt: Nicht nur ein Text, auch eine Ausstellung ist eine Erzählung, sagen sie. So wie das Buch ins Wunderland, entführt das Museum in die Wunderkammer. Kann so ein Ansatz heute noch funktionieren?

Kommt darauf an. Auf das „Spiel mit Alice in der angewandten Kunst“ zum Beispiel lässt man sich gerne ein – von Geschirr über Tapeten bis hin zu Modefotografien von Annie Leibovitz, stets folgt man den Künstlern fröhlich wie Alice dem weißen Hasen und lässt sich auf ihre Interpretationen der Geschichte ein. Andere Werke hingegen, vor allem aus der jüngeren Gegenwart, können aufgrund kuratorischer Eingriffe irritieren. Etwa wenn Kiki Smiths zurückhaltend handkolorierte Illustrationen mit einer knallgelben Wandfarbe kontrastiert werden, um ihnen die transformatorischen Effekte zu sichern, von denen man glaubt, dass sie ihnen abgehen.

Sieht man aber von diesem Misstrauen gegenüber der Wirkung einzelner Arbeiten ab und lässt sich auf den Rundgang durch das deklarierte „Wunderland der Kunst“ ein, erhält man eine präzise Einführung in die Kunstgeschichte – an der ein oder anderen Stelle sogar ins Reich der Fantasie: Nach surrealistischen Adaptionen des Buches von Künstlern wie Salvadore Dalí, René Magritte oder Max Ernst beweisen die überdimensionierten roten Möbel von Pipilotti Rist oder ein Video von Samantha Sweeting, in dem die Beine eines toten Hasens bewegt werden, als liefe er, dass künstlerische Eingriffe den Zugang zur Welt tatsächlich verändern können.

Schade nur, dass man glaubt, das ginge nur im Museum. Am Treppenausgang jedenfalls heißt es: „Geh nach Haus, das Märchen ist aus.“

„Alice im Wunderland der Kunst“, Hamburger Kunsthalle, bis 30. September

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 08/2012. Sie können das Heft hier bestellen.

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