Interpol

Performance-Ausstellung in Essen

Kurz vor dem Fall

Wer nicht weiß, wie "Life Art" geht, sollte mal nach Essen kommen: In einer von Klaus Biesenbach und Hans-Ulrich Obrist kuratierten Performance-Schau im Museum Folkwang inszenieren zwölf Künstler zwölf Situationen mit zahlreichen Darstellern

von Antje Stahl
14.08.2012
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Ob lebendig oder tot, menschliche Körper im Museum scheinen nach über 50 Jahren Performancekunst nach wie vor Aufsehen zu erregen, wenn nicht sogar Widerstand hervorzurufen. Vor einem Jahr versuchte John Baldessari, in der Manchester City Art Gallery eine Leiche auszustellen. Die Briten konnten sein Werk jedoch nicht mit ihren ethischen Vorstellungen vereinbaren und verboten es. Es war nicht die erste Ablehnung, auf die Baldessari mit dieser Idee stieß. In der von Klaus Biesenbach und Hans-Ulrich Obrist kuratierten Ausstellung „12 Rooms“ im Rahmen der Ruhr-Triennale dokumentiert der amerikanische Künstler nun das fortgesetzte Scheitern seines Projekts.

Auch in Essen, in der zweiten, erweiterten Runde der Ausstellung, die 2011 auf dem Manchester International Festival zu sehen war, wird die eigentliche Totenschau fehlen. Stattdessen werden andere Körper die Betrachter herausfordern. Zwölf Künstler inszenieren in zwölf Räumen zwölf Situationen mit zahlreichen Darstellern.

Bereits 2010 wagte Marina Abramovic den Schritt von der Performance zum Performer­parcours. Sie reinszenierte ihre eigenen Provokationen aus den 60er- und 70er-Jahren mit anderen Künstlern für ihre Einzelausstellung im New Yorker Museum of Modern Art und löste damit eine Debatte über die Verschiebung von der Performancekunst zum Schauspiel aus.

Eine Gruppenausstellung, noch dazu mit dem Untertitel „Live Art“, gab es aber bisher kaum, und es wird sich die Frage stellen, welchen ästhetischen und theoretischen Mehrwert die Zusammenstellung der Künstler und die neue Terminologie haben können.

Immerhin werden hier zusammen mit Abramovic Künstler präsentiert, die auf den ersten Blick wenig mit der Performance-Diva gemein haben. Damien Hirst etwa, der sein Werk durch eineiige Zwillinge aufzuwerten versucht, indem er sie vor einem Punktegemälde platziert, sowie Tino Sehgal, der jede Form des „Körperkitschs“ streng meidet, für immaterielle Werte plädiert (etwa in einem Interview in Monopol 7/2012) und sich damit jenseits abramovicer oder hirstscher Ästhetik positioniert.

Aber auch Roman Ondák, der eher zu konzeptuellen Spielversuchen neigt, oder Xu Zhen, der akrobatische Übungen bevorzugt. Seine Darstellerin fällt zu Boden, ohne jemals aufzuschlagen. Trotzdem wird mit Sicherheit etwas in der Schau knallen.

„12 Rooms“, Museum Folkwang, Essen, 17. bis 26. August

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 08/2012. Sie können das Heft hier bestellen.

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