The Art of Noise
Sonic Youth sind die Mutter aller Art-School-Bands. Man zog mit Mike Kelley und Dan Graham durch die Clubs von Manhattan und nahm Gerhard Richter aufs Plattencover. Eine Düsseldorfer usstellung arbeitet nun diese einmalige Zusammenarbeit auf. Monopol sprach mit Avantgarde-Ikone Kim Gordon über Kunst, Madonna und die Dekadenz des Geldes.
1977gehen zwei junge Kunststudenten on the road, ihre Tour beginnt in Los Angeles und endet in New York. Der eine, Mike Kelley, wird bald nach der Reise nach Kalifornien zurückkehren und am California Institute of the Arts (CalArts) seinen Abschluss machen. Die andere, Kim Gordon, wird vier Jahre später als Sängerin und Bassistin die Band Sonic Youth gründen.
Doch zunächst trifft sie in New York auf den Konzeptkünstler Dan Graham, der sie in die Kunst- und Musikszene der Stadt einführt. Auf einer Vernissage lernt Gordon auch Thurston Moore kennen. Der Sohn eines Kunstgeschichteprofessors arbeitet als Tellerwäscher im Food, dem Restaurant von Gordon Matta-Clark, und spielt nebenbei in verschiedenen Bands. Kim Gordon und er verlieben sich (später heiraten sie) und gründen 1981 Sonic Youth. Drittes Bandmitglied ist Lee Ronaldo, der wie Gordon Kunst studierte und zu dessen Lehrern der Filmemacher Ken Jacobs zählte.
Die New Yorker Kunst- und Musikszene sind in den späten 70er-Jahren so eng verschränkt wie nie zuvor, Sonic Youth als Art-School-Band eher die Regel als die Ausnahme. Ihre ersten Konzerte geben sie in Galerien. Sie ziehen mit späteren Kunststars wie Richard Prince oder Robert Longo um die Häuser, die ihrerseits in No-Wave-Bands spielen, sie feiern und arbeiten mit Matt Mullican, Cindy Sherman, Barbara Ess oder Jenny Holzer.
Es ist die Zeit, als viele CalArts-Absolventen die New Yorker Kunstszene mit einer frischen Dosis Pop-Art aufmischen, einer Mischung aus drastischem Humor, dreckiger Sexualität, der Aneignung von Werbe- und Filmbildern und ihrer Umkehrung in einen finsteren amerikanischen Albtraum. Als Pictures Generation sollten sie später Kunstgeschichte schreiben, damals waren sie Teil der alternativen Szene von Downtown Manhattan. „Die ersten beiden aus dieser Szene, die es in den Mainstream schafften, waren ein weißes Neo-Disco-Mädchen aus dem East Village namens Madonna und ein afroamerikanischer Maler und Musiker namens Jean-Michel Basquiat“, sagt Thurston Moore über diese Zeit. „Abgesehen davon fand das alles abseits des Medieninteresses statt.“
Wirklich im Rampenlicht stehen Sonic Youth bis heute nicht, sie taugen einfach nicht zu Popstars. Aufgrund ihrer Originalität und Glaubwürdigkeit werden sie von Musikfans geschätzt wie sonst nur Bob Dylan – doch kaum jemand könnte auf Anhieb einen ihrer Refrains nachsingen. Sie haben fast 30 Alben eingespielt, hatten aber nie einen Top-Ten-Hit. Sie haben Nirvana einen Plattenvertrag besorgt, Sofia Coppola zum Filmemachen gebracht, sie gaben Performances mit Allan Ginsberg.
Und sie haben immer wieder mit bildenden Künstlern zusammengearbeitet, in der Tradition von Warhol/Velvet Underground und Robert Mapplethorpe/Patti Smith, doch lange bevor solches Cross-over chic wurde. Mike Kelley, Dan Graham, Gerhard Richter, Raymond Pettibon, Richard Prince, Christopher Wool, Jeff Wall gestalteten Sonic-Youth-Cover, während die Bandmitglieder mit Kunst, Film, Mode experimentierten.
Eine Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf gibt ab 31. Januar erstmals Überblick über das genreübergreifende Schaffen der Band. Es gab in jüngster Zeit eine ganze Welle von Ausstellungen zum Verhältnis von Kunst und Musik. Die Besonderheit bei Sonic Youth liegt in der Selbstverständlichkeit, mit der die Band von Beginn an in den verschiedensten kulturellen Bereichen wirkte. Eine Selbstverständlichkeit, die auch diese Ausstellung charakterisiert. Konzertplakate, Fanzines, Instrumente fügen sich bruchlos an Bilder von William S. Burroughs und Isa Genzken, Installationen von Mike Kelley, einen Pavillon von Dan Graham.
„Sonic Youth verschmelzen Punkrockrebellion mit anderen kulturellen Feldern in einer Komplexität, wie dies wohl keine zweite Band geschafft hat“, sagt der Kurator der Schau, Roland Groenenboom. Man merkt es der Ausstellung, die bereits im französischen Saint-Nazaire und in Bozen gezeigt wurde, an: Was die Band an akustischem Lärm produziert, spiegelt diese Schau als eine Art visuellen noise, wobei die Ausstellungsräume so chaotisch und liebevoll eingerichtet sind wie das Schlafzimmer eines jugendlichen Fans.
Kim Gordon, diese Ausstellung umfasst Werke der wichtigsten Künstler der vergangenen Jahrzehnte, schon der Katalog hat über 1000 Seiten. Hatten Sie keine Angst, als Sie den Umfang dieser Ausstellung sahen?
Eigentlich nicht. Die Idee zu dieser Ausstellung kam von Roland Groenenboom, der zuvor bereits eine meiner Ausstellungen kuratiert hatte. Wir hatten in der Vergangenheit schon Angebote für eine Ausstellung, aber Roland war der Einzige, dem wir trauten. Er versteht den Kontext, er teilt unsere Interessen. Was die Vielfalt anbelangt: Auch unsere Musik folgte nie einer eindeutigen Ästhetik, weshalb die Leute und die Medien uns auch nie einordnen konnten.
Welche Künstler haben Sie am meisten beeinflusst?
Mein wichtigster Einfluss waren sicher die 60er- und 70er-Jahre, Pop-Art, Fluxus, Konzeptkunst – und Dan Graham. Ich lernte ihn kennen, als ich Ende der 70er-Jahre nach New York kam. Er ermutigte mich, zu schreiben und Musik zu machen, ohne ihn hätte es Sonic Youth wohl nie gegeben. Es war inspirierend, zu sehen, dass da ein Künstler ist, der sich nicht auf seine Werke und deren Verkauf konzentriert, sondern etwas zurückgeben will an das Publikum und die Öffentlichkeit. Er ist ein Künstler, der mehr schaffen will als bloß „Kunst“.
Warum haben Sie sich nach Ihrem Kunststudium für die Musik entschieden?
Anfangs war das nicht so klar. Ich arbeitete in den frühen 80er-Jahren in verschiedenen Galerien: bei Larry Gagosian und in der Annina Nosei Gallery. Ich erinnere mich, wie Richard Prince eines Tages gerahmte Fotos von Uhrenanzeigen in die Galerie brachte und ich ihn aufzog, weil die Rahmen so hässlich waren. So haben wir uns kennengelernt. Wenn mich irgendwas abgeschreckt hat vor der Kunst, dann war es meine Arbeit in den Galerien – zu sehen, wie alles kommerzialisiert und wie um einzelne Künstler gefeilscht wurde. Jemand wie Richard Prince war einfach ein Freund für mich. Richard und Robert Longo spielten damals beide in Bands, sie sind zwei dieser Figuren, die die beiden Welten von Kunst und Musik überbrücken.
Auch Mike Kelley gehört dazu.
Mike spielte in Punkbands; Musik und Kunst kamen irgendwie aus derselben Energie. Ich habe ihn am CalArts-Institut kennengelernt. Dan Graham gab da eine Gastvorlesung, und die beiden diskutierten heftig über Punkrock.
Haben Sie damals auch deutsche Künstler kennengelernt?
Nein. Von Kippenberger oder Albert Oehlen habe ich erst später erfahren, ich schätze sie sehr. Damals kannte ich eigentlich nur Isa Genzken. Dan Graham hat uns bekannt gemacht. Sie lebte in New York, sie war damals mit Gerhard Richter verheiratet.
So kam dann auch Richters Kerze auf das Cover Ihres Albums „Daydream Nation“.
Ja genau.
Wussten Sie, dass Richter als konservativer Maler galt?
Klar wussten wir das. Man kann ihn konservativ nennen – aber wird das in 50 Jahren eine Rolle spielen? (lacht) Uns gefiel es, ein Cover zu haben, das nicht nach Punk aussieht, wo das Äußere nicht mit dem Inneren übereinstimmt – wie ein trojanisches Pferd. Das Album erschien 1988, das Cover passte auch zur Reagan-Ära mit all ihrer grauen Depressivität und Lethargie.
Es war auch die Zeit, als Madonna groß wurde. Sonic Youth hatten mal ein Nebenprojekt namens Ciccone Youth ...
Ciccone ist Madonnas bürgerlicher Nachname. Unser Projekt war eigentlich als Hommage gedacht. Wir mochten ihr erstes Album – es war ein Dancealbum, und vermutlich hätten die Leute nie erwartet, dass wir so etwas mögen.
Haben Sie Madonna auch als Feministin geschätzt?
Madonna war nie eine Feministin, für mich war sie immer eine Entertainerin.
Aber sie wurde oft als Vorkämpferin einer modernen Frauenbewegung gefeiert ...
Ja, aber von wem! Das waren die Mainstream-Medien. Das bedeutet ja nichts. Das ist, als würde man sagen, Sarah Palin ist eine Feministin, nur weil alle durchgedrehten Rechtsaußen-Frauen sie toll finden. Diese ganze Idee, Sexualität als Instrument einzusetzen, um dich zu ermächtigen, deinen Körper und dein Selbst zu benutzen, um Platten zu verkaufen – das ist doch blanker Hohn gegenüber dem, was wirklich los ist. Vielleicht steckt da eine gewisse Ehrlichkeit drin, denn das ist nun mal, wie Madonna tickt. Aber ich würde eher sagen, dass das den Feminismus um 20 Jahre zurückgeworfen hat (lacht). Es hat dem Rolling Stone die Legitimation geliefert, nackte Frauen auf dem Cover zu haben.
In dieser Ausstellung sind auch Aquarelle von Ihnen zu sehen und eine Installation, die Sie mit der deutschen Künstlerin Jutta Koether entwickelt haben.
Ja, wir nennen es „Reverse Karaoke“. Es ist ein Zelt, das wie eine Konzertbühne geschmückt ist. Drinnen läuft meine Stimme vom Band, und die Besucher können dazu Gitarre oder Schlagzeug spielen. Es ist Punk mit so einem Do-it-yourself-Ansatz, und es geht auch um die Rollen von Sänger und Band, von Protagonist und Begleitung.
Was ist der Unterschied zwischen Musik und Kunst?
Kunst ist intellektueller, Musik ist sehr viel emotionaler, physischer. Und Musik ist ein Gruppending – während man sich mit Kunst doch eher als Einzelner auseinandersetzt.
Läuft die Kunst der Musik heute nicht den Rang ab?
Musik ist so essenziell für Menschen wie Luft oder Wasser, denken Sie nur daran, was sie mit Teenagern macht. Ich glaube kaum, dass Kunst je so wichtig werden kann. Kunst ist heute vor allem ein Spekulationsobjekt, aber mal schauen, was jetzt kommt mit der Finanzkrise. Vermutlich wird es eine ganz spannende Zeit für Kunst werden – auch die 70er-Jahre waren eine Zeit wirtschaftlicher Rezession, und es entstand großartige Kunst, die nicht objektorientiert war.
In den vergangenen Jahren wurde der Kunstbetrieb auch zunehmend personenfixiert. Künstler wie Takashi Murakami oder Damien Hirst werden wie Popstars gefeiert.
Ja, aber für mich sind das Entertainer, keine Künstler. Damien Hirst mag sich für einen raffinierten Strategen halten, vielleicht auch für einen Konzeptkünstler, dessen Konzept Geld ist – aber das hat Warhol auch schon gemacht. Die Frage ist also, wie interessant das heute noch ist. Spannender finde ich den Gedanken an die vollkommene Dekadenz des Geldes. Ich glaube, Modedesigner sind da schon eher Konzeptkünstler, die diese Dekadenz thematisieren.
Marc Jacobs wäre dafür sicher ein Beispiel. Sie haben im vorigen Frühjahr auf seiner Fashionshow ein Konzert gegeben. Seit wann kennen Sie ihn?
1992 haben wir ein Video für unser Stück „Sugar Kane“ gemacht. Der Regisseur Nick Egan war ein Freund von Marc, und so haben wir uns kennengelernt. Das Video zeigt eine Modenschau, nur dass das Model die Kleidung nicht an, sondern auszieht.
Das war Chloë Sevigny, nicht wahr?
Ja. Sie hatte sich bei einem Casting für uns beworben. Marc hatte gerade eine Grunge-Collection für das Label Perry Ellis gemacht – er ist direkt danach gefeuert worden, und vermutlich hatte er das vorher gewusst (lacht). Jedenfalls hat er uns die Kostüme aus der Show für das Video geliehen. Er hat mich später auch sehr unterstützt, als ich mein eigenes Modelabel X-Girl gemacht habe, zusammen mit den Beastie Boys. Er hat auch eine große Kunstsammlung – wir teilen ähnliche Interessen.
Sie sammeln auch Kunst.
Thurston hat viele Memorabilien von Leuten, die er bewundert, das meiste stammt aus der Beatnik-Zeit. Sonst haben wir ein paar Werke von Raymond Pettibon, Richard Prince, Mike Kelley, D. A. Levy ... so ziemlich alles das, was jetzt in der Ausstellung ist.
Sie wollten mit der Ausstellung den Wert Ihrer Sammlung steigern!
(Lacht) Nein ... das sicher nicht.
Da die Grunge-Generation schon lange auf dem Catwalk angekommen ist – wo kommt der neue „Teenage Riot“ her?
Ich habe keinen blassen Schimmer.
Was ist mit Barack Obama?
Er ist großartig.
Die New York Times hat schon die „Generation O“ ausgerufen: Junge Leute hätten heute wieder große Hoffnungen, und sie seien frei von Ironie und Sarkasmus.
Ich weiß nicht. Ich habe eher den Eindruck, die jungen Leute sind triefnass vor Ironie.
„Sonic Youth Etc.: Sensational Fix“, Kunsthalle Düsseldorf, von 31. Januar bis 10. Mai. Ein umfangreicher Katalog zur Ausstellung mit
zwei Vinylplatten erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König, Preis: 58 Euro. Begleitend zur Ausstellung ist auch ein Konzert
der Band in Düsseldorf geplant.
Ein Jahr im Leben von Gerhard Richter. Erzählt von Alexander Kluge zum 80. Geburtstag des großen Malers
Die Künstler und das Kino: Mit Andy Warhol, Isa Genzken, Christian Marclay, Douglas Gordon u.v.m.
Ein Portfolio von Ron Galella
Im Porträt: Jeremy Shaw
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