Sammlerpaar Pietzsch
"Unsere Kinder sollen nicht in den Keller"
Das Berliner Ehepaar Pietzsch will eine hochkarätige Kunstsammlung verschenken. Doch wohin damit? Ein Hausbesuch
Berlin (dpa) - Im Esszimmer hängt das «Selbstbildnis» (1946) von Frida Kahlo, das einzige Bild der mexikanischen Malerin in Deutschland. Im Wohnzimmer grüßt ein Miró den farbenprächtigen André Masson an der Gegenwand. Und der Picasso daneben ist erst kürzlich von der großen «Frauen»-Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne heimgekehrt.
«Diese Bilder sind unsere Kinder. Wir wollen nicht, dass sie irgendwo im Keller verschwinden», sagt Ulla Pietzsch (78), die gemeinsam mit ihrem Mann Heiner (82) seit den 50er-Jahren eine beispiellose Sammlung surrealistischer Kunst zusammengetragen hat, mit Werken von Salvador Dalí über Max Ernst, René Magritte, Jackson Pollock, Mark Rothko bis zu Neo Rauch.
Weil sie keine eigenen Kinder haben, schenkten die beiden ihre Sammlung dem Land Berlin. Voraussetzung: Sie muss angemessen gezeigt werden. Und genau darum ist ein erbitterter Streit entbrannt. «Plötzlich sind wir die bösen Buben, die die Alten Meister aus der Gemäldegalerie drängen wollen», wundert sich Heiner Pietzsch.
Denn die oberste Herrin der Berliner Museen, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, will die Gemäldegalerie am Potsdamer Platz freiräumen, um für ihre Bestände zusammen mit der Sammlung Pietzsch endlich ein Museum der Moderne in Berlin zu schaffen.
Die Bilder sollen bald in ein Museum der Moderne
Die Alten Meister müssten dafür ins zu kleine Bode-Museum wandern, bis dort an der Museumsinsel ein Erweiterungsbau geschaffen ist. «Wie man es dreht und wendet - für eine der beiden Sammlungen ist ein neues Museum nötig», sagt Heiner Pietzsch. «Entscheidet Euch oder lasst die Finger davon.»
Der gebürtige Dresdner hatte sich in den 50er-Jahren als Selfmademan mit einer Kunststoff-Firma in West-Berlin selbstständig gemacht. «Damals war meine Frau nicht nur meine beste, sondern auch meine einzige Mitarbeiterin» erzählt er.
«Die Schaukel» des in der DDR verfemten Künstlers Gerhard Altenbourg war 1954 das erste Bild, das die beiden kauften. Weitere kamen hinzu. In der Wohnung wichen die nachgemachten englischen Möbel und alten Stiche langsam der Moderne. «Anfangs haben wir die Bilder nur als Dekoration an die Wand gehängt, bis wir merkten: Das bringt nichts, einfach durcheinander zu kaufen», so Pietzsch. «Am Ende hat meine Frau sich mit ihrer Liebe zu den Surrealisten durchgesetzt.»
Rund 120 Bilder umfasst die Kollektion der Surrealisten heute. 60 bis 70 davon hängen in der Villa im Berliner Südwesten, die das Ehepaar vor 24 Jahren buchstäblich um seine Sammlung herum baute. Hinter dem elektronisch verriegelten Eisentor empfängt ein grimmiger (allerdings wächserner) Wachmann den Gast, Gewehr im Anschlag. Und im lichtdurchfluteten Wohnraum mit Blick auf den See hat das Hausmädchen selbst für den Arbeitsbesuch Tafelsilber des Art Deco aufgedeckt.
Nach dem Wunsch der Stifter sollen die Bilder jedoch möglichst bald in einem Museum der Moderne hängen, das es in Berlin bisher nicht gibt. «Wir wollen kein Museum Pietzsch. Wir wollen ein Museum des 20. Jahrhunderts, in dem unsere Sammlung vielleicht vier bis fünf Prozent ausmacht», sagt der Hausherr. «Die sollen sich die Bilder aussuchen, die sie wollen. Von mir aus können sie auch nur die zehn besten nehmen.»
"Wir sprechen nicht über Geld"
Dass Kritiker der geplanten Museumsrochade inzwischen sogar den Wert der Sammlung anzweifeln, kommentiert Pietzsch nicht. «Wir sprechen nicht über Geld», sagt er trocken. Wie nebenbei weist er aber darauf hin, dass allein das Pendant zu seinem Lieblings-Miró im Wohnzimmer, das abstrakte Gemälde «Blauer Stern» (1927), im Juni in London für einen Rekordpreis versteigert wurde.
2009 hatten Experten die Sammlung auf rund 150 Millionen Euro geschätzt. Sie war damals unter dem Titel «Bilderträume» erstmals umfassend in der Neuen Nationalgalerie gezeigt worden - mehr als 200 000 Menschen kamen. «Damit war für uns die Frage beantwortet, dass die Bilder nach Berlin gehören», erinnert sich Pietzsch.
Trotz seiner 82 Jahre geht der Unternehmer immer noch drei bis vier Tage pro Woche ins Büro. Trotzdem fürchtet er, dass ihnen die Zeit davonläuft. «Bis zum Frühjahr muss eine Entscheidung fallen», sagt er. «Solange ich lebe, kann ich noch mitreden. Wenn wir tot sind, interessiert sich kein Mensch mehr, wer die Pietzschens waren.»
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