Kunstmesse ABC in Berlin
Wer braucht schon ein Motto?
Die Messe Art Berlin Contemporary (ABC) ist eröffnet. Sie kanalisiert einmal mehr die kreative Energien der Stadt. Ein Rundgang
Gerade jetzt, wo für die inzwischen gut etablierte ABC ab 2013 einen Direktorenposten eingerichtet wird (Maike Cruse, ehemals Art Basel), muss noch einmal gewürdigt werden, was die Gründer und Organisatoren der Messe eigentlich in den letzten Jahren leisteten. Guido Baudach, Alexander Schröder von der Galerie Neu und Joanna Kamm stellten sich vor der Eröffnung auf der Pressekonferenz auch den Fragen der Journalisten, und das ist nur ein Nebenaspekt dieses großen Nebenjobs – etwas anderes war es für die Galeristen ja nicht, und dafür ist es beeindruckend.
Auch die ABC 2012, die letzte, die im Kollektiv und ohne Direktorenposten verantwortet wird, sieht sehr gut aus. Der Designer Manuel Raeder hat die Ausstellungsarchitektur dafür entworfen, sie besteht vor allem aus Teilen für Baugerüste, die nach Abbau weiterverwendet werden können – anders als die ambitioniert verschachtelten weißen Wände, die im letzten Jahr dem damals ausgerufenen Schwerpunkt "Post-Malerei" Halt geben sollten. Das führt jetzt zu aufgetürmten Gemälden wie bei Florian Meisenberg bei Wentrup, die einige Meter weiter noch eine Timm-Ulrichs-Arbeit von Museumsformat zeigen: das Gerüst eines Hauses ohne Wände, dafür mit sich automatisch öffnenden, alten Zimmertüren, die alle in unterschiedlicher Weise knarren und quietschen.
Dieses Mal gibt es kein Motto, doch fast alle Galerien (192 aus 18 Ländern, das Verhältnis von Berliner zu anderen Galerien ist eins zu eins) haben sich für Einzelpräsentationen entschieden. Wo so viel freie Fläche ist, kann inhaltliche Geschlossenheit gut sein. Das merkt man bei Claudia Wiesers bunt bemalten, modernistischen Objekten und Tafeln (Galerie Joanna Kamm) oder beim opulenten Minimalismus von Jeroen Jacobs, der bei Sommer & Kohl gegossene Betonskulpturen zeigt: fragil und kolossal zugleich wirkende graue Spitzen, angeordnet wie ein akkurates Gebirge.
Gleich daneben steht die Ausstellung der Galerie Thomas Fischer auf Betonplatten, ein nebensächliches Gestaltungsmittel des 1980 geborenen Marcel Frey. Der stellt mit einem entwaffnenden Formgefühl Details aus der Wohnwelt der gehobenen Mittelschicht (hölzerner Handlauf der Einfamilienhaus-Treppe, Fondue-Teller, Steckregal, Rauchglastisch) neue Arrangements zusammen, die keine Funktion mehr kennen, sehr wohl aber Atmosphäre, Erinnerungsraum, Sinn fürs Absurde im Vertrauten.
KOW zeigt mit Clemens von Wedemeyer einen Künstler, der soziales Engagement, Architektur und filmisches Schaffen auf einem ziemlich einzigartigen Niveau vereint – hier präsentiert er ein Projekt, das er im Süden der Türkei verwirklicht hat: An einem Berg über der Stadt Mardin hat er eine große Kinoleinwand bauen lassen, deren dem Tal zugewandte Seite verspiegelt ist und so tagsüber das Sonnenlicht in die Stadt wirft. Eine filmische Dokumentation ist ebenfalls am Stand zu sehen.
Gegenüber zeigt bei Tanja Wagner der Berliner Ulf Aminde auf hochformatig in den Raum gestellten Flatscreens Videos von Torkelnden im Stadtraum – manche scheinen in unendlicher Zeitlupe in sich zusammenzusacken, andere suchen etwas am Boden, haben aber vergessen, was es ist, doch nie verlieren sie den Kampf gegen die Schwerkraft. Der Titel „Urban Tai-Chi“ nimmt die Sache vielleicht etwas zu leicht, es sind ja Junkies und Obdachlose und keine Yogafrauen im Park, doch die Resonanz ist gewaltig: Viele professionelle Besucher der ABC, sagt Tanja Wagner, haben in den ersten Stunden schon bekundet, das Gefühl dieser entgrenzten Erschöpfung gut zu kennen. Empathie statt Bestürzung – vielleicht auch mal okay.
Die Fotografien von Viviane Sassen sehen nicht nur in Büchern und Zeitschriften fantastisch aus, die Künstlerin, die häufig in Afrika fotografiert, Mode so ganz ohne ethnische Klischees, mit cooler Bildsprache, extremen Kontrasten und einer poppigen Leichtigkeit, die man in dem Zusammenhang noch nicht kannte (bei Stevenson, Kapstadt)
Überhaupt: Mode. Drei Schaufensterpuppen in attraktiven Vintage-Kostümen üben große Anziehungskraft aus, der grüne Damen-Skioverall aus Georgette-Stoff ist verführerisch. Man findet sich verwundert in einer Jeff-Wall-Ausstellung wieder: Der Fotokünstler aus Vancouver zeigt eine künstlerische Dokumentation der Sammlung von Claus Jahnke, einem 1962 in Kanada geborenen Experten für Kostüme, der einige zeitgeschichtliche Stücke aus der Kollektion des großen Berliner Kaufhauses Nathan Israel (1939 von den Nazis enteignet) besitzt. Für die Messebeteiligung von Walls Galerie, Johnen, sind nun Original-Stücke zusammen getragen worden, als auch Jeff Walls fotodokumentarischer Umgang mit dem Thema, das hier gerade durch den Umweg über Kanada melancholische Tragik entfaltet.
Warum haben die Dinge, die nicht nach Kunst, sondern nach etwas anderem aussehen (Mode, Architektur, Design) diesmal eine besondere Anziehungskraft? Und fallen Beiträge, die sich in den klassischen Gattungen Bildhauerei oder Malerei ausdrücken, so schnell unter Ironie-Verdacht?
Die mittelgroßen Bronzeplastiken bei der Kopenhagener Galerie Mikael Andersen zum Beispiel – entfernt erinnern die maskenartigen Gesichter an Max Ernst oder Henry Moore, und sie könnten gut eine weitere, vielfach gebrochene, kunsthistorische, kunstmarktaffine Referenz eines jungen Künstlers sein. Doch die Künstlerin Sonja Ferlov Mancoba (1911-1984) stellte mit der Gruppe CoBrA aus, es seien „eher menschliche Ausdrucksformen als Kunst“, sagte die Künstlerin über ihre Werke. Es ist einer der überraschendsten Stände der Messe.
Überhaupt zählen die älteren Positionen zu den schönsten. Isabella Bortolozzi zeigt die drastisch-lustigen Radierungen von Carol Rama (Preise zwischen 800 und 2000 Euro), die die 1919 geborene Künstlerin jeweils mit Farbe und Pinsel individualisiert hat. Poul Gernes, 1996 verstorbener Nukleus der dänischen Kunstszene der 60er-Jahre, wird von Bo Berggaard in einer knallfarbigen All-Over-Installation samt Tisch und Stühlen präsentiert.
Dass das Gewicht der Messe so stark auf Berlin liegt, ist kein bisschen schlimm, schade oder schlecht: Es zeigt vielmehr, dass die Stadt für Kunst und Künstler in Deutschland nach wie vor einzigartig gut ist, und darum geht es dann ab dem nächsten Jahr verstärkt: dieses Potenzial, die kreative Energie zu kanalisieren und nach außen zu tragen.
ABC, bis 16. September
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