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Andreas Gursky in Düsseldorf

Der Blick des Schöpfers

Spielt er Gott? Oder entflieht er nur dem technischen Wettlauf? Das Düsseldorfer Museum Kunstpalast zeigt Andreas Gursky in einer großen Retrospektive

von Daniel Kothenschulte
13.11.2012
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Das Gerücht, Deutschlands bekanntester Fotokünstler wolle sich der Malerei verschreiben, ist inzwischen auch schon ein paar Jahre alt. Einem Maler, der an der Düsseldorfer Akademie studiert hatte, waren während eines Besuchs bei Andreas Gursky Bücher über Maltechnik aufgefallen, dann zog er seine Schlüsse: Hatte die Fotografie, deren Möglichkeiten Gursky doch in seinem Schaffen immer weiter ausgelotet hatte, ihn an die Grenzen geführt? An jenen für alle anderen unsichtbaren Horizont, der nur noch mit Pinsel und Farbe zu überwinden wäre? Man konnte es aber auch weniger dramatisch deuten. Vielleicht wollte Gursky die Lehrbücher ganz einfach fotografieren?

Mit der Düsseldorfer Retrospektive ist die Sache geklärt. Ja, Gursky hat sich die Malerei erobert, allerdings mit den Mitteln der Fotografie. Zwar ist der Wettstreit mit der älteren Kunstgattung von jeher ein fester Bestandteil seines Werks. Was wäre seine Serie über Prada ohne Andy Warhol, was die spektakuläre vielfarbige Hochhausansicht „Paris Montparnasse“ ohne Gerhard Richter? Verwechslungsgefahr war aber nie gegeben. Das ist mit den gewaltigen Hochformaten der in Düsseldorf erstmals präsentierten Bangkok-Serie nun anders. Man muss schon ganz dicht vor den drei Meter hohen Bildern stehen, um ihrer fotografischen Genese überhaupt noch auf die Spur zu kommen.

Die trüben, öligen Wasser des Stroms Chao Phraya inszeniert Gursky wie Farbströme im abstrakten Expressionismus und ordnet sie zu Kompositionen, die an Sam Francis oder Cy Twombly denken lassen. Für leuchtende Inseln innerhalb des wabernden Schwarzgrüns sorgt das Treibgut: Benzinkanister und bunte Zeitschriftenseiten, Müll und Blumen. Am Computer schiebt Gursky diese Elemente so lange hin und her, bis ein harmonischer Schwebezustand erreicht ist. „Das ist meine künstlerische Freiheit“, erklärt er einer Hundertschaft Kunstjournalisten beim Eröffnungsrundgang.

Das Treibgut bildet die einzigen Wegmarken zur gegenständlichen Welt, deren visuelle Attraktionen sein Werk sonst so sehr bestimmen. Aber schwammen nicht schon Monets Seerosen auf der Schnittstelle zur Abstraktion, die Gursky jetzt für sich entdeckt hat? „In der Malerei käme man damit heutzutage wohl nicht mehr durch“, zitiert der Künstler die Meinung eines Journalisten, und da ist vermutlich etwas dran. Ohne die intermediale Brechung wäre es nur ein Schwelgen im Impressionismus.

Andreas Gursky gilt als der bekannteste Schüler Bernd und Hilla Bechers, doch vom Objektivismus und der Selbstbeschränkung seiner Düsseldorfer Lehrer trennt ihn einiges. Wichtiger scheint jetzt der Einfluss Otto Steinerts. Der Professor an der Essener Folkwangschule verstarb zwar im selben Jahr, als Gursky sein Studium dort aufnahm, doch vieles von dem strengen Vokabular der von Steinert gegründeten Fotoform-Bewegung hat sich offensichtlich vererbt. Der Blick für die Struktur und das Abstrakte in der Dingwelt, vor allem aber ein radikaler Subjektivismus bis hin zu metaphysischen Dimensionen.

Wie würde Gott auf die künstliche Inselgruppe namens „The World“ blicken, die Scheich Mohammed bin Raschid al-Maktum vor Dubai aufschütten ließ? Gursky pointiert in seinem Bild noch einmal deren Künstlichkeit, überhöht so einerseits das menschliche Bemühen und weist es andererseits in seine Grenzen. Und in seiner Ozean-Serie, 2010 geschaffen, spielt Gursky selbst den Schöpfer: Aus Satellitenfotos in hoher Auflösung destilliert er tiefblaue Monochrome, eingefasst von freigesetzten Küstenrändern – und schlägt dem Weltvermessungsanspruch von Google Earth ein Schnippchen.

Doch alles relativiert sich vor den monumentalen Formaten, selbst die Wunder der eigenen Technik. Vor wenigen Jahren noch galten analoge Großbildkameras, wie sie für viele der berühmtesten Gursky-Aufnahmen benutzt wurden, als unübertrefflich. Heute geht es digital noch sehr viel schärfer.
Vielleicht ist Andreas Gurskys Foto­malerei der Bangkok-Serie ja auch die Flucht aus diesem technischen Wettlauf. In der Abstraktion sind „scharf“ und „unscharf“ keine Größen mehr.

Andreas Gursky, Museum Kunstpalast, Düsseldorf, bis 13. Januar 2013

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 11/2012. Sie können das Heft hier bestellen.