Kunstmarkt

Kunstmesse in Taiwan

Schwarz steht für Macht

Viel bunter Kitsch, ein verwirrend infantiler Grundton, jede Menge Entdeckungen: Ein Rundgang über die Kunstmesse Art Taipei

von Alexandra Wach
21.11.2012

Das Messepersonal trug schwarz. Grund zur Trauer gab es allerdings wohl kaum. Die Farbe steht im chinesischen Kulturraum für Macht und Geld. An reichen Sammlern herrschte auf den strahlend gelben Teppichen auch kein Mangel. Rund 150 Galerien aus 15 Ländern nahmen an der 19. Art Taipei teil, der traditionsreichsten Messe mit asiatischem Fokus, die am 12. November im Taipei World Trade Center zu Ende gegangen ist. Im Vergleich zur letzten Ausgabe ein Zuwachs von 20 Prozent. Und das, obwohl die Konkurrenz im gleichen Segment von Singapur bis zu Shanghai stetig wächst. Die üblichen Verdächtigen des internationalen Messekarussells sucht man hier zwar noch vergeblich. Manch einer streckt aber schon die Fühler aus, die Pariser Galerie Perrotin etwa, die seit Mai auch eine Dependance in Hong Kong unterhält. Sie schaffte mit ihren bedruckten Schweinen und kunstvollen Kathedralen aus der Werkstatt von Wim Delvoye einen Hauch von Vertrautheit.

„Taiwan ist ein sehr finanzstarker Marktplatz“, erzählte Nunu Hung am Stand der Galerie Michael Janssen. „Die anderen Käufer kommen aus Japan, Singapur oder Hong Kong. Es sind sogar emigrierte Chinesen aus den USA angereist“. Die Kunstberaterin verhilft den Berlinern, die inzwischen eine Zweigstelle in Singapur eröffnet haben, zur besseren Kommunikation mit der neuen Kundschaft. Die nimmt zwar weibliche Händlerinnen immer noch nicht ernst, aber dafür verfügt Nunu Hung über hiesige Sprachkenntnisse und das Wissen um kulturelle Fauxpas-Fallen. „Gerade war eine kunstinteressierte Koreanerin mit ihrem Vater da. Das Bild von Julian Opie für 90 000 US-Dollar hatte es ihr angetan. Sie wird noch Überzeugungsarbeit leisten müssen. Festlandchinesen sitzt das Geld lockerer. Selbst die taiwanesischen Eltern verhätscheln ihre Kinder weniger als die chinesische Oberschicht“.

Als auffällig jung erwies sich nicht nur die Nachfrage. Mitunter flanierten ganze Klassen in den Uniformen ihrer Privatschulen durch die Gänge. Auch die angebotene asiatische Kunst bewegte sich – bis auf die versprengten Auftritte des kühlen Grauton-Fotografen Hiroshi Sugimoto, der überaus komplexen Videokunst des Taiwanesen Chen Chieh-Jen, die sich mit der rasanten Entwicklung der asiatischen Gesellschaft beschäftigt, oder von Ai Weiweis Molekülskulpturen bei den New Yorkern Chambers Fine Art - verdächtig häufig an der Grenze zur schrillen Manga-Ästhetik. Gewalt und Horror inklusive. Da erschienen die frechen Kinderfiguren des Japaners Yoshitomo Nara bei der Tomio Koyama Gallery aus Tokyo fast schon frühreif. Ihre Preise lagen zwischen 64 000 und 75 000 US-Dollar. Yoko Onos monumental meditatives Kalligraphiegemälde „Sky Dust“ für 200 000 US-Dollar, das ohne die allgegenwärtigen melancholisch bösen Geisterfiguren der panasiatischen Popkultur auskam, wirkte geradezu wie ein Fremdkörper.

Vor allem ihre Generationsgenossin Yayoi Kusuma erfreut sich offenbar eines reißenden Absatzes. Gefühlt jede fünfte Koje führte das blutleere Alterswerk der Exzentrikerin im Programm. Während die japanische Whitestone Gallery für das große Cocktail-Porträt „Lemon Squash“ von 1990 knapp 500 000 Euro veranschlagte, konnte man sich bei der Dynasty Art Gallery aus Taipei mit Schlüsselanhängern in Form von gepunkteten Kürbissen für schlappe 1200 taiwanesische Dollar einlegen. Eine spannende Mischung aus Trash und Zeitkritik schafft die 1981 geborene Chinesin Zhang Peng in ihren jüngsten Werken. Umgab ihre vor blutroten Kulissen hilflos posierenden Lolitas noch die Aura einer bizarren Fantasy-Welt, atmen die neuesten Schwarzweiß-Fotografien dank wenig subtiler Schauereffekte die Abgründe eines frauenfeindlichen China, in dem Mädchen im frühesten Alter auf ihre Rolle zwischen Dienerin, naive Puppe und Sexsklavin abgerichtet werden. (15 000 US-Dollar bei Art Seasons aus Singapur)

„Wenn Sie sich hier umschauen, sehen Sie unglaublich viel bunten Kitsch. Die Chinesen lieben das“, kommentierte Michael W. Schmalfuss von Schmalfuss Berlin den verwirrend infantil dekorativen Grundton vieler Stände. Seine erste Teilnahme hat sich trotzdem gleich am Eröffnungsabend ausgezahlt. Er bestreitete sie mit einer Soloshow von Wolfgang Stiller. Mehrere Skulpturen seiner lebensgroßen „Matchstickmen“, deren schwarze Wachsköpfe von realen Chinesen abgeformt wurden, gingen für 15 000 Euro nach Hong Kong, was auch daran liegen könnte, dass der Deutsche nach einem langjährigen Aufenthalt in Peking den anderen düster minimalistischen Ansatz perfekt trifft, den vor allem japanische Künstler zelebrieren. Bei der Tokyoter Galerie Arataniurano nebenan überraschte etwa Takahiro Iwasaki, der gerade im Pariser Palais de Tokyo mit einer Raumintervention vertreten ist, mit filigranen Architekturminiaturen, die er in Landschaften aus Handtüchern, menschlichen Haaren, Staub und handelsüblichen Zahnbürsten platzierte. Ihre poetisch aufgeladene Zerbrechlichkeit ließ sogleich Assoziationen an die jüngsten Naturkatastrophen in Japan aufkommen. Die atelierfrische Arbeit „Out of Disorder (fogscape)“ war für 13.500 US-Dollar zu haben.

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