Reviews

"Earth Ends" im Haus der Kunst

Ordentlich in den Sand gesetzt

Dass die Land-Art keine humorfreie Zone ist, beweist das Münchner Haus der Kunst mit der großen "Earth Ends"-Schau

von Laura Weissmüller
22.11.2012

Ganz klar: Das Pathos fehlt. Keine Hunderte Kubikmeter Erde, keine Gesteinsmassen, dafür kleinformatige Fotografien, Videos und Bleistiftzeichnungen. Und das soll jetzt „die erste große Museumsausstellung über Land-Art“ sein? Diese Kunstrichtung, die man eigentlich automatisch mit gewaltigen Erdverschiebungen vor atemraubender Kulisse verbindet?

Das Münchner Haus der Kunst, das die Schau „Ends of the Earth – Land Art bis 1974“ vom Museum of Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles übernommen und für sich angepasst hat, tut gut daran, mit dem Klischee der puren Größe gleich zu Beginn aufzuräumen. Das macht den Blick frei auf eine Kunst, deren Bezüge eben nicht in stadtfernen Landschaften enden, sondern die tatsächlich vollgesogen ist mit politischen Konflikten und gesellschaftlichen Entwicklungen. Und mit Humor – etwas, was man den pathetischen Arbeiten ihrer bekanntesten Vertreter, Walter De Maria und Michael Heizer, eher nicht zutraut.

Da wäre zum Beispiel der Film von Jean Tinguely, mit dem die Schau beginnt. 1962 bekam der Schweizer Künstler einen Auftrag des Fernsehsenders NBC. Zusammen mit Niki de Saint Phalle durfte er nach Nevada reisen, um dort eine seiner kinetischen Skulpturen in den Sand zu setzen. Doch erst einmal hieß es shoppen. Neben dem, was Tinguely als Zivilisationsmüll in der Wüste fand, suchte er sich das Material für seine Skulptur in Las Vegas. Zwischen wild blinkenden Kasinowerbetafeln und einarmigen Banditen plünderte er einen Spielwarenladen, verhandelte mit einem Schrotthändler und schraubte das Ganze dann auf dem Parkplatz einer Shoppingmall zusammen.

Wenn sich seine Figur am Ende krachend in Bewegung setzt und schließlich selbst zerstört, explodiert in der Nähe eines nuklearen Testgeländes nicht nur sehr viel Schrott, sondern auch der Way of Life, den Tinguely zuvor fröhlich auf seinen Lkw geladen hatte. NBC zeigte das Spektakel zusammen mit einem Beitrag über die damaligen internationalen Atomwaffengespräche. „Study for an End of the World, No. 2“ beweist jedoch nicht nur, wie politisch Tinguely gearbeitet hat, sondern auch, dass der Film als Medium dem Happening in der Wüste ebenbürtig ist.

Genauso verhält es sich auch ein paar Jahre später bei den Land-Art-Künstlern. Ob in dem Film „Landscape for Fire“ (1972), in dem der Londoner Anthony McCall auf einem stillgelegten Flughafen geometrisch verteilte Feuerstellen entzünden lässt, oder in Keith Arnatts „Self-Burial (Television Interference Project)“, für die der WDR 1969 acht Tage hintereinander zur besten Sendezeit kommentarlos Fotografien zeigte, auf denen der englische Künstler sukzessiv in der Erde versinkt. Erst im Medium Film entfalten die Arbeiten ihre wahre Kraft.

Wenig überraschend also, dass auch ein Robert Smithson keine Gewichtung vornehmen wollte zwischen seinen ortsgebundenen und ortsunabhängigen Werken. Film, Fotografie und Zeichnung waren für ihn wie für die anderen Vertreter der Land-Art nicht bloß Hilfsmittel zur Dokumentation, sondern selbstständige und vollwertige Träger ihrer Kunst. Dass das schon von Anfang an so war, beweisen die Werke der ersten Land-Art-Gruppenschau „Earth Works“ 1968 in der New Yorker Galerie der großen Förderin Virginia Dwan und ein Jahr später „Earth Art“ von Willoughby Sharp im Andrew Dickson White Museum of Art in Ithaca. Zeichnung, Leuchtkasten, Fotografie – die mediale Bandbreite war schon da.

Indem die Ausstellung den Fokus nicht auf die Land-Art-Giganten richtet, werden aber nicht nur die Vielfalt, die diese Kunstrichtung einzusetzen weiß, und ihre Rezeptionsstrategien sichtbar, sondern auch ihre geografische Ausdehnung jenseits von Nordamerika. Die reichte von Osteuropa über Skandinavien bis hin zum Nahen Osten, etwa mit dem israelischen Künstler Micha Ullman. Gerade bei ihm wird die Sprengkraft sichtbar, die der Land-Art zu eigen ist. Was könnte von nationalen Konflikten besser erzählen als die Erde von diesen Orten? Als die Grenzen, die für die Arbeiten übertreten werden mussten, oder als die Landkarten, die ein Künstler wie Alighiero Boetti dabei verwendete?

„Ends of the Earth“ hat damit neu definiert, was Land-Art sein kann. Nun dürfte sich auch der hier vertretene Engländer Richard Long mit dem Begriff anfreunden können, dessen skulpturales Schaffen in der Natur ja äußerst erdverbunden ist. Bislang wollte er sich von der Kunstrichtung trotzdem nicht vereinnahmen lassen: „Für mich steht das Label Land-Art für monumentale Erdbewegungen aus Nordamerika. Damit hat meine Arbeit nichts zu tun. Ich sehe sie mehr in der Nähe der Arte povera oder Konzeptkunst.“ Diese Schau führt vor, dass sich das nicht ausschließt. 


„Ends of the Earth“, Haus der Kunst, München, bis 20. Januar 2013

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 12/2012. Sie können das Heft hier bestellen.

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