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„Isn't it romantic?“ in Köln

Schöner Wohnen mit Novalis

Eine Schau im Kölner Museum für angewandte Kunst entdeckt die romantische Dimension des heutigen Designs

von Alexandra Wach
15.01.2013
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Mit Massenproduktion stehen die neuen Romantiker auf Kriegsfuß. Das tschechische Kollektiv Made by Forest (Vyrobeno Lesem) setzt ostentativ auf Einzelstücke und verwendet für seine Handbesen echte Tannennadeln. Wie lange die wohl funktionstüchtig bleiben? Die Rundungen der moosgrünen Parfumflakons sind Zapfen nachempfunden, die Lampenschirme wachsen direkt aus einem unbearbeiteten Baumstamm.

Wenn junge Gestalter ihre Wochenenden im Wald verbringen, Ausschau haltend nach ungewöhnlichen Materialien und Inspirationen für noch nie Dagewesenes, kann es sich nur um einen Anfall akuter Naturverehrung auf den Spuren von Novalis, Friedrich & Co. handeln. Das meint zumindest die Wienerin Tulga Beyerle, Direktorin der Vienna Design Week und Kuratorin der Schau „Isn't it romantic?“, die jetzt im Kölner Museum für angewandte Kunst den Spielarten einer frisch diagnostizierten „Verschmelzung von Rationalität und Irrationalität“ im aktuellen Design nachspürt.

Rückwärtsgewandt will man sich nicht geben. Zukunftsängstlich und melancholisch durchaus. Die 40 versammelten Designer greifen romantische Attribute auf, um sie einer Neuinterpretation zu unterziehen. Der Prolog irritiert zunächst mit karikaturhaften Schauwerten, wenn auf den nach dem Kontrastprinzip bestückten Wohninseln der ornamentale Gefühlsüberschwang triumphiert, von den glitzernden Disco-Lampen eines Jaime Hayón bis zu den abgründig trashigen Porzellan-Spiegeln von Barnaby Barford.

Der heitere Ton verhallt im zweiten Raum, der sich der Konfrontation mit der Sphäre der Technik widmet. Alle Produkte haben hier den Prozess serieller Herstellung durchlaufen, wissen es aber dank geschickter Mimikry zu verbergen. Regelrecht konzeptuell geht Julia Lohmann mit einer in majestätischer Schwärze erstrahlenden Skulptur vor. Sie ist dem Brustkorb eines Kalbs entlehnt, dem sämtliche Organe entnommen wurden. Das Unbehagen an der industriellen Fleischproduktion überfällt den Betrachter erst auf den zweiten Blick, wenn er hinter der Schönheit des handwerklich perfekten Objekts die Spuren animalischen Massensterbens entdeckt.

Die Erfahrung des Verlusts zelebriert auch die Kollektion wohlgeformter Bestattungsgefäße. Wenn man Urnen als Rückzugsorte für die Ewigkeit begreift, darf man sie wohl auch einem optischen Relaunch unterziehen. An Courage lässt es der Zürcher Designer Frédéric Dedelley nicht fehlen. Er bescheinigt den Behältern das Potenzial zur zeitgemäßen Reflexion des barocken Vanitas-Gedankens. Unter dem Titel „Memento Mori“ erinnern zarte Glaskugeln, die Seifenblasen ähneln und sich wie zufällig auf einem Holzsockel niedergelassen haben, an die Brüchigkeit des Lebens, während ein kristalliner Körper aus geöltem Nussholz Dürers Stich „Melencolia I“ zu zitieren scheint.

Das Spektrum des süß-sauren Parcours erschöpft sich nicht im Morbiden. Die Abteilung Sehnsuchtskitsch ist ebenso reichlich vertreten wie abseitige Tipps für die Wohnzimmergestaltung. Robert Stadlers Installation „Wild at Home“ empfiehlt die mutwillige Fragmentierung des ohnehin schon überfordernden Alltags. Nicht nur seine bewegliche Deckenlampe „Anywhere“ verweigert einen festen Standort. Auch der Couch aus einem linken und rechten Anschnitt mangelt es an der inneren Mitte. Den Sitzplatz muss sich der entfremdete Zeitgenosse selbst dazu denken. Die Vorzüge des minimalistischen Neandertaler-Style beweist Max Lamb entlang von grobschlächtigen Hockern, die er dank der japanischen Urushi-Lacktechnik magisch auflädt.

Philippe Starcks Lampe „Marie Coquine“, ein Hybrid aus Kronleuchter und Mary-Poppins-Schirm, entführt gar in private Märchenräume, in denen Gegenstände wie Maurizio Galantes „Canapé Cactus“ längst ihre Gefolgschaft in Sachen Komfort aufgekündigt haben und der Gegenentwurf zur durchrationalisierten Moderne anarchische Blüten trägt, frei nach Novalis optimistischer Maxime: „Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder“. Solange dieser auf sich warten lässt, bleibt nur der Rückzug, wenn auch allein in das verträumte „Birdwatch Cabinet for a girl“, ein Phantasiegartenhäuschen mit Bett und Aussichtsplattform aus der Rotterdamer Werkstatt von Makkink & Bey, ein tröstendes Geschenk an alle Utopisten, die sich mit der hässlichen Realität nicht abfinden wollen.

„Isn't it romantic?“, Museum für angewandte Kunst, Köln, bis 21. April 2013