Interpol

„Das schlafende Mädchen“ im Kino

Bye-bye, Beuys

Kunst ist, wenn ich Kunst bin: Ein Spielfilm taucht in die Düsseldorfer Akademieszene der 70er-Jahre ein

von Alexandra Wach
23.01.2013
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Die Zeiten, als Studenten ihren Professoren schreibmaschinenlange Briefe schrieben, in denen sie sich mit dem aktuellen Stand der Kunst auf theoriefestem Niveau beschäftigten, liegen schon lange zurück. Dass es mal anders war, stellt der großartig untemperierte und selbstironische Film „Das schlafende Mädchen“ von Rainer Kirberg unter Beweis.

Der Mann, Jahrgang 1954, weiß wovon er spricht, schließlich war er selbst Anfang der 70er Student an der Düsseldorfer Kunstakademie, während jener desorientierten Phase zwischen den Höhenflügen von 1968 und dem befreienden Urknall des Punk. Seine Kommilitonen? Palermo und Walter Dahn. Fast wünscht man sich, der eine oder die andere dieser Zeitzeugen möge zu Wort kommen. Kirberg geht lieber den fiktionalen Weg, auch wenn die Farbgebung schwarzweiß bleibt und zwischendurch das noch nie gezeigte Material rund um die Protestaktionen auftaucht, die aus Anlass von Beuys fristloser Kündigung in den Fluren der revolutionär gestimmten Ausbildungsstätte für hitzige Debatten sorgten.

„Kunst kann man nicht lernen. Das ist das erste, das ich von Beuys gelernt habe“, gibt der Held dieser in No-Budget-Ästhetik gefilmten Rarität augenzwinkernd zu Protokoll, bevor er jede seiner Handlungen zur Kunst erklärt. Dazu gehören Gymnastikübungen an einer Parkbank ebenso wie das Zitieren von Hegel, Heisenberg und Heidegger in einem Atemzug, oder der feierliche Einsatz von Spraydosen, die keinen Halt vor seinem Körper machen.

Der avantgardistische Videokunst-Pionier lässt die Kamera ohnehin nicht mehr aus der Hand. Zum Objekt seiner lebensnahen Beobachtungen avanciert eine Obdachlose, die er in seinem Atelier einsperrt, um ihr wahres Ich herauszukitzeln. Das entpuppt sich profaner als jede Theorie erlaubt. Die mit einer erotischen Aura beschenkte Kreatur steigt im Umfeld der Akademie zum Glamour-Girl auf, das im legendären „Creamcheese“ lieber zur neuesten Krautmusik tanzt als die unterwürfige Pygmalion-Schülerin abzugeben.

Jakob Diehl ist die perfekte Besetzung für dieses Musterexemplar eines hager vergrübelten, zwischen Weltekel und erleuchtetem Missionierdrang schwankenden Bohemiens, der in seinem rigorosen Outfit die angry young men von Joy Division vorwegnimmt. „Vielleicht ist der Künstler der einzig natürliche Feind der Kunst“, stellt er im Finale fest und verabschiedet sich ins Baumdickicht, zurück zur melancholischen Naturleere aus Antonionis „Blow up“. Eine erfreulich reichhaltige essayistische Flaschenpost, die ohne jede Nostalgie mehr als nur einen Zeitgeist einfängt.

Der Film „Das schlafende Mädchen“ läuft bereits im Kino




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