Interpol

Neu im Kino: „Blank City “

In den Ruinen der Lower East Side

Ein Dokumentarfilm befragt die einstigen Helden des No Wave über den Zusammenhang von Gruppenarbeit und städtischem Zerfall

von Alexandra Wach
24.01.2013

Kein Mord, keine Mafia und kaum ein nacktes Frauenbein. Und das im verkommenen New York der End-70er. Dafür präsentieren die alten Aufnahmen eine Menge abbruchreifer Häuser in der Lower East Side, dem Viertel, in dem die Boheme zu Hause war. In dem Dokumentarfilm „Blank City“ wird von den alten Zeiten geschwärmt, mögen sie noch so hoffnungslos gewesen sein. Schon der Titel, ein Zitat aus der Hymne der US-Band The Voidoids, verweist auf die nihilistisch gestimmte Gemeinschaft aus Musikern, Künstlern und Filmemachern, die unter dem Etikett „No Wave“ in die Annalen der Post-Punk-Bewegung eingegangen ist.

Die Faszination der jungen Regisseurin Céline Danhier für die explosive frühe Reagan-Ära, in dem die Schranken zwischen den Disziplinen mit Mut zum Dilettantismus eingerissen wurden, muss groß gewesen sein. Mitunter schießt ihr Enthusiasmus über das Ziel hinaus, wenn sie Originalbilder nur wenige Sekunden stehen lässt, deren energetische Wirkung man gerne nachhaltiger genossen hätte. Dafür hat sie beim Aufspüren der Akteure ganze Arbeit geleistet.

Kaum ein in den Wunden der Nation stochernder Protagonist, der nicht zwischen den unzähligen Super-8-Filmschnipseln und Konzertmitschnitten von Television, Ramones oder Sonic Youth zu Wort kommt. John Lurie und Jim Jarmusch erinnern sich an ihre ersten Gehversuche als Regisseure von kontemplativen Indie-Filmen innerhalb einer Szene, die in der ersten Hälfte der 80er mit wilden Grenzüberschreitungen zum Cinema of Transgression gekürt wurde. Debbie Harry und Lydia Lunch erzählen begeistert von ihrem kollaborativen Einsatz als Schauspielerinnen in Filmen ihrer Kollegen und Jean-Michel Basquiat flaniert, kurz vor seinem einsetzenden Star-Ruhm und der auf Schritt folgenden Gentrifizierung des Stadtteils, durch noch zugemüllte Straßen, in denen er seine geheimen Zeichen hinterlässt. Ein überaus informatives, Zeitkolorit atmendes Mosaik einer der letzten authentischen Revolten.

Der Film "Blank City" läuft seit Donnerstag im Kino






ANZEIGE
AKTUELLES HEFT
Aktuelles Heft

Gangster oder Galerist? Warum Kunsthändler im Film solche Schlitzohren sind - und was das mit der Wirklichkeit zu tun hat

Künstlerroman von Friedrich Kunath 24 Sonnen-Untergänge für die kalten Tage: Grüße von der amerikanischen Westküste

Julian Charrière Der Künstler der Generation Smartphone, der zur Materie zurückkehrt und der Kunst wieder Bodenhaftung verschafft, im Porträt

Narrative Spaces Räume, die menschenleer sind und doch nicht stumm: Was ist das für eine Art von Kunst? Eine Entdeckungsreise durch die neuen "narrative spaces"

Ab nach Genf Die Kunstmesse am Genfersee wird so klein und fein wie die Stadt, die sie beherbergt

Was macht die Kunst, Deichkind? Die Hamburger Remmi-Demmi-Band gibt Auskunft

Monopol 02/2015
AM KIOSK
AUF DEM iPAD
IM SHOP
ALS ePaper
ANZEIGE