Schloss hinter Riegel
Wenn der Staat nicht pleitegeht, wird er tatsächlich verwirklicht: Franco Stellas Entwurf für eine Neuauflage des Berliner Stadtschlosses. Monopol ist ange- messen entsetzt und fordert schon jetzt Kunst am Bau für das Schloss des Grauens. Erste Rettungsversuche von Jonathan Meese, Christoph Schlingensief und anderen Vertretern der Kunstrepublik
Jahrelang wurde um diesen Ort gestritten, und in den vergangenen Monaten sah der Schlossplatz in Berlin-Mitte dann tatsächlich aus wie ein Schlachtfeld:
Wo einst der Palast der Republik, der Parlamentssitz der DDR, gediegenen Optimismus ausstrahlte, ragten erst Ruinen in den Winterhimmel, dann schließlich war da nur noch ein riesiges sandiges Feld. Die Frage, welchen Umgang Berlin mit der wechselvollen Geschichte des zentralen, symbol- trächtigen Platzes findet, war zu einer kulturpolitischen Stellungsschlacht geraten.
Am Ende dieses Streits hat sich die konservativste, mutloseste und langweiligste aller Lösungen durchgesetzt: Der Palast der Republik wurde abgetragen, an seiner Stelle wird ein Neubau mit den rekonstruierten Barockfassaden des 1950 gesprengten Stadtschlosses stehen. Der Entwurf, mit dem der italienische Architekt Franco Stella den Wettbewerb gewann, sieht vor, dass auch die Kuppel des neuen Schlosses nach dem historischen Vorbild errichtet werden soll. Auf der barocklosen Ostseite mit der dreigeschossigen, offenen Loggia wirkt dieses „Schloss“ dann nur noch wie Dussmanns Kulturkaufhaus oder die neue Douglas-Filiale in der Friedrichstraße.
Die Brüche der jüngeren Geschichte werden mit diesem attrappenhaften Gebäude ignoriert. Die Stadt beruft sich hier auf eine hohl gewordene Formensprache absolutistischer Machtpräsentation, auf überwunden geglaubten Pomp des preußischen Staates. Doch auch wenn nun die Albträume aller Schlossgegner Stein zu werden drohen, sind Luftschlösser nicht verboten. Monopol liegt der Ort schon länger am Herzen: Vor zweieinhalb Jahren brachte unser Magazin die Idee einer temporären Kunsthalle auf, die auf dem Schlossplatz stehen sollte. Auch wenn sich nicht der von Monopol befürwortete architektonische Entwurf durchgesetzt hat – im vergangenen Herbst eröffnete eine Kunsthalle.
Schon jetzt, bevor der Grundstein zum Fake-Preußentum gelegt wird, fordert Monopol: Kunst am Bau fürs Stadtschloss! Wir baten Künstlerinnen und Künstler, Projekte für den Stella-Entwurf zu entwi - ckeln, jenseits der Gesetze von Denkmalschutz, Budget und Konvention. Gibt es Wege, doch noch Originalität und Spannung in diese traurige architektonische Situation zu bringen?
Auf den folgenden Seiten finden Sie erste Rettungsversuche von Jonathan Messe, Christoph Schlingensief, Thomas Rentmeister, Kalin Lindena, Anselm Reyle, Andreas Hofer, Daniel Knorr und Lori Hersberger. Der zuständige Minister Wolfgang Tiefensee soll später nicht behaupten, er hätte von nichts gewusst. Monopol hat ihm die Entwürfe per Einschreiben zugeschickt – sicher ist sicher.
Anselm Reyle
Barock ’n’Roll? Nicht mit Anselm Reyle. Er überzieht die Schlossfassade mit der Glasfront des abgerissenen Palastes der Republik. Das passt zu Reyles Bildern und Skulpturen, mit denen er über das Erbe des Modernismus nachdenkt.
Daniel Knorr
Die Idee für sein opulentes Klunkerschloss kam ihm in der Kargheit der Kaparten, wo der gebürtige Bulgare gerade unterwegs war. Der in Berlin lebende Knorr ist ein notorischer Ironiker: Auf der Venedig-Biennale 2005 ließ er den rumänischen Pavillon einmal schlicht leer und nannte das Ganze „European Influenza“. Sein Stadtschloss präsentiert sich nun wie eine Westberliner Millionärsgattin, die aus Versehen einem Kardinal das Kreuz geklaut hat.
Christoph Schlingensief
Der Regisseur und Aktionskünstler würde auf dem Schlossplatz gern Elemente seines Festspielhauses sehen, das er in Kamerun gebaut hat: „Der mystische Abgrund zwischen Palast der Republik und Stadtschloss soll versöhnend mit afrikanischen Urformen verschmolzen werden. Es entsteht nach meinem afrikanischen Festspielhaus ein zweites Festspielhaus im Sinne Humboldts, bei dem der Forschungsaspekt im Vordergrund steht. Hier wird in Afrika geforscht und das Ergebnis nach Berlin über führt. Da, wo nichts mehr ist, ist Afrika noch lange!“ Der Entwurf entstand in Kollaboration mit Thomas Goerge.
Kalin Lindena
Mit der Spraydose will die junge Vertreterin der neuen Abstraktion der Schlossfassade zu Leiberücken. Als Teenie zog sie in ihrer Heimatstadt Hannover um die Häuser – das Gefühl für die große Fläche, das sie durch ihre Street-Art entwi ckelte, hilft der 32-Jährigen bis heute bei ihren zeichnerisch-zarten großen Gemälden. Ihr Entwurf für das Stadtschloss könnte die größten Realisierungschancen haben – allerdings nicht auf ganz legalem Wege.
Thomas Rentmeister
Der Bildhauer verspachtelt das Schloss mit Penaten-Creme – als sei es ein wunder Babyhintern. Wie der Pseudobarock beschwört auch Penaten Harmonie. Rentmeister benutzt häufig industrielle Markenprodukte für seine Skulpturen: Die Werbeversprechen von Nutella oder Tampons kollidieren mit dem künstlerischen Anspruch der Minimal Art.
Jonathan Meese
Das Erzreich der Kunst braucht einen Regierungssitz. Zitat Meese: „Scarlett Johans son’s Mund möge sich auf dem Koordinatenpunkt des ‚Stadtschlosses‘ niederlassen und ‚staatsmetabolisch‘ als uns ewig Küsschen entgegen- werfendes, süßestes Tierbaby fungieren. Der Mensch möge von sich absehen, und die ‚Architektur der Sache‘ wird sich spielerisch ohne Ritual und liebevollst stoffwechselhaft selbst einbauen in die Industrie der Natur. Das Fundament von Scarlettier babys Mund wird die Weltformel, bestehend aus Quadrat, Kreis, Dreieck und Unendlichkeitszeichen, sein, also totaler Lolly. An ganz besonders tollen Tagen, wenn übergroße, unabdingbare Demut herrscht, wird Scarlett Johanssons Mund der totalen Üppigkeitinnin folgendes Naturgesetz uns entgegenseufzen: ‚Ich lebe…‘ (Alles ist Totale Saalvegetation der Totalrevolution ‚Dienst an der Kunst‘.)“
Andreas Hofer
Statt einer Kuppel hockt auf dem Gebäude das Raumschiff aus dem Spielberg-Film „Die unheimliche Begegnung der dritten Art“. Wie ein Parasit hat es den Bau in sein Schwarz eingesponnen und in ein böses Marsministerium verwandelt. Science-Fiction und Geschichte, Bekanntes und Fremdes treffen sich in Hofers Kunst – genau das Richtige für Berlin!
Lori Hersberger
Der Schweizer lässt hinter oder über dem Schloss eine seiner Neoninstallationen aufgehen. Es wird Nacht, es wird Tag, Licht am Bau sieht immer gut aus. Fassadenrepublik Deutschland? Wenn schon, denn schon.




