Interpol

„Kaboom! – Comic in der Kunst“ in Bremen

Helden wie wir

Wie Künstler Superheros demontieren: Eine Gruppenschau in der Bremer Weserburg zeichnet die Evolution des Comics in der Kunst nach

von Sabine Weier
25.07.2013

Ein Afroamerikaner kriecht in Superman-Kostüm über den Asphalt. Statt des Capes hat er ein Skateboard auf den Rücken geschnallt, um schneller über Straßenkreuzungen zu kommen. William Pope.L legte so die gesamte Strecke des New Yorker Broadways zurück, ein Kraftakt, dem er den Titel „The Great White Way, 22 Miles, 9 Years, 1 Street“ gab. In der Bremer Weserburg, wo die Ausstellung „Kaboom!“ den Einfluss des Comics auf die Kunst untersucht, flackern Aufnahmen der Aktion über einen Bildschirm, ein paar Schritte weiter liegt das zerschlissene blau-rote Kostüm in einer Vitrine.

Pope.Ls Rassismuskritik kann als Angriff auf die US-amerikanische Gesellschaft, aber auch als einer auf die Kunstgeschichte verstanden werden. Pop-Art-Künstler überführten den Comic in die bildende Kunst und lehnten sich so gegen den konservativen Kunstbegriff der Abstrakten Expressionisten und Farbfeldmaler auf. Die Geste war ästhetisch subversiv, kaum aber gesellschaftskritisch.


Die Kunstszene blieb weiß und Warhols Superman ein Held, der mit ausgestreckter Faust und eleganter schwarzer Locke in der Stirn stolz durch die Luft fliegt, einer, der die abendländische Mythenkultur in sich konzentriert, der Herkules, Siegfried und Nietzsches Übermensch in einem ist. Wie William Pope.L grätscht auch der afroamerikanische Künstler Kerry James Marshall in dieses weiße Narrativ, indem er Comicstrips mit schwarzen Helden in urbanen Settings kreiert und so das Pantheon der Superhelden wie Spiderman oder Thor erweitert.


Dass in der Weserburg Arbeiten wie diese, aber weder Warhols Superman, noch große Leinwände von Roy Lichtenstein oder Werke von Takashi Murakami und Jeff Koons hängen, die sich exzessiv in der Comickultur bedienen, hat vor allem pragmatische Gründe. Die Weserburg verfüge über geringe finanzielle Mittel, erklärt Direktor Peter Friese, und müsse sich daher auf ihre Stärken besinnen: die guten Beziehungen zu wichtigen deutschen Sammlern. Für „Kaboom!“ erwies sich das als Glücksfall, denn die Schau kommt gut ohne Trophäen aus und zeigt mitunter überraschende Arbeiten von über 30 Künstlern, darunter viele zeitgenössische Positionen wie die von William Pope.L.

Auch wenn die Strategien der Künstler unterschiedlich sind, lassen sich zwei Tendenzen ausmachen: die ästhetische Dekonstruktion populärer Vorlagen, also das Zerlegen und Neuverorten der Einzelteile, sowie die Inszenierung des düsteren Moments im Comic. Juan Muñoz lässt für „Waiting for Jerry“ in einem dunklen Raum die Titelmusik der Zeichentrickserie „Tom und Jerry“ in Endlosschleife laufen, während ein Loch in einer Wand die Ankunft der beliebten, ewig von der Katze gejagten Maus verheißt. Martin Arnold stellt für seine Videoarbeit „Haunted House“ Details von Zeichentrickfilmen frei, loopt fragmentierte Sound- und Bewegungsabläufe und entwirft so ein schaurig anmutendes Gegenstück zur gelernten Nachmittagsunterhaltung.



Die Skulptur „Untitled (What makes certain)“, ein Werk von John Isaac aus der Berliner Sammlung von Thomas Olbricht, zeigt einen lebensgroßen bulligen Mann in Hasenkostüm, der einen Bugs-Bunny-Kopf in den Händen hält. Aus dem weißen Plüschanzug ragt sein eigener roter Kopf mit Glatze, tief in den Höhlen liegenden Augen und verzerrtem Mund heraus – hinter den Kulissen der Looney-Toons-Welt lauert eine schreckliche Wirklichkeit.

Auch der isländische Künstler Erró konterkariert die von der Unterhaltungsindustrie produzierte vergnügliche Welt mit radikalen Verweisen auf Gesellschaft und Politik. In der Weserburg hängen vier seiner Gemälde aus der Sammlung des Hamburgers Harald Falkenberg. Erró platzierte darauf groteske Figuren in explizit pornografischen Posen aus dem Werk des subversiven Zeichners Robert Crumb neben Motiven aus Propaganda-Plakaten der Nazis. Während Soldaten der Wehrmacht mit Maschinengewehren über das Schlachtfeld stürmen, hängt die überlange Zunge eines Mannes zwischen den Schamlippen einer Frau, die längs an ihm herunter baumelt und ihn ebenfalls oral befriedigt, daneben steht: „Slurp! Smack! Munch!“.


Auch Wonder Woman, das weibliche Gegenstück zu Superman, hat einen Platz in der Weserburg. Ähnlich wie Pope.Ls schwarzer Superman kommt sie aber nur mühsam vom Fleck. Für die Arbeit „Technology/Transformation: Wonder Woman“ loopte die Medienkünstlerin Dara Birnbaum die Drehung um die eigene Achse, mit der sich die Darstellerin in der US-amerikanischen TV-Serie von der Büroangestellten in die Heldin mit Superkräften verwandelt. Der Moment der Metamorphose ist ausgesetzt, die Emanzipation lässt auf sich warten.



„Kaboom! – Comic in der Kunst“, Weserburg, Bremen, bis 6. Oktober

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