Kommentar

Kommentar: Talent borgt, Genie stiehlt, Dummheit klagt

Urheberrechtsstreite sollten selbst mit Kopierverbot belegt werden. So blieben uns immer neue, immer lächerlichere Neuauflagen erspart

von Daniel Völzke
01.04.2009

Es war einmal sehr aufregend, über Original und Kopie, Aneignung und Kontextverschiebung nachzudenken. Aber das ist schon lange her. Vor beinahe 100 Jahren hatte Duchamp sein Urinal ins Museum gestellt, vor über 45 Jahren zeigte Warhol seine ersten Bilder von Konsumartikeln als Kunstwerke. Die zitatfreudige Postmoderne ist vorübergegangen, Appropriation-Art wurde erfunden, das Fake kunstgeschichtlich nobilitiert. Heute sollten alle Argumente zum Thema ausgetauscht sein.
Sicher, das Copyright und alles, was damit zu tun hat,
ist gerade in Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung und Vernetzung eine der größten Herausforderungen. Doch im Zusammenhang mit Kunst ist es bitter, mit anzusehen, wie aus der schelmischen und kulturstiftenden Geste des Aneignens immer wieder kleinlicher Rechts­­streit erwächst. Und das ist nicht selten Schuld der Künstler selbst.
In den vergangenen Wochen häuften sich die Fälle. Die Nachrichtenagentur AP streitet mit dem Street-Art-Künstler Shepard Fairey um das Copyright der foto­grafischen Vorlage für dessen berühmtes Obama-Plakat. Richard Prince wird – zum wievielten Mal? – verklagt wegen Urheberrechtsverletzung, diesmal von einem Verlag, der einen Fotoband des Franzosen
Pat­rick Cariou veröffentlichte. Prince benutzte für übermalte Collagen Aufnahmen von Rastafaris aus diesem Buch.
Und Damien Hirst drohte via Verwertungsgesellschaft einem 16-jährigen Street-Art-Künstler, der fotografische Reproduktionen seines Diamantenschädels („For the Love of God“, 2007) für Collagen benutzt hat. Multimillionär Hirst fordert von dem Schüler, der einige dieser Collagen verkauft hat, dessen bisherige Einnahmen (200 Dollar) und die noch nicht verkauften Kunstwerke.
Die Zeiten, als man sich als Künstler unbedingt auf die Seite der Kunst schlug, sind offenbar vorbei. Und tatsächlich: Vorbehaltlos ist die uneingeschränkte Freiheit der Kunst nicht mehr zu verteidigen. Das wird am deutlichsten an Richard Prince. Er hatte einst vorgeführt, dass Kunst eben manchmal erst dort beginnt, wo Legalität aufhört. 1983 fotografierte er ein Bild von der nackten, stark geschminkten Kinderschauspielerin Brooke Shields ab, nachdem deren Mutter den Originalfotografen Gary Gross wegen Copyrightverletzungen verklagt hatte.
Das Bild, das bei Prince „Spiritual America“ hieß, thematisierte als Kunstwerk nun seinen eigenen Abbildcharakter und den konkreten Konflikt zwischen Shields und Gross. Eine weitere Drehung in diesem Spiel: Prince selbst blieb von einer Klage durch Gross verschont, weil dieser sich im Kampf mit Shields finanziell verausgabt hatte.
Richard Prince war damals ein mittelloser Künstler. Mit diesem Meisterstück der Appropriation-Art wurde er bekannt. Jetzt, da seine Arbeiten Millionen Dollar kosten, haben sich allerdings solche Akte der An­eignung verbraucht. In den 90er-Jahren zahlte Prince Gary Gross eine Abfindung für den Brooke-Shields-Raub. Es wäre fair gewesen, hätte der Künstler sich auch mit dem Fotografen Patrick Cariou vor der Ausstellung geeinigt. Gerade weil es sich bei dessen Bildern – anders als beim Shields-Porträt – nicht um viel diskutiertes Material handelt.
Es sind auch keine allgegenwärtigen Medienbilder wie die Marlboro-Anzeigen, die Prince für seine „Cowboy“-Arbeiten benutzte. Die Aufnahmen von den Rastafaris, die in den wenig zugänglichen Bergen Jamaikas entstanden sind, hat Cariou mit wenig Budget und großem Zeitaufwand hergestellt – sie verdienen deshalb Schutz vor Richard Prince’ Zugriff.
Collagen, Readymades und Appropriation-Art gelingen erst durch die Verschiebung von Zusammenhängen. Deshalb zählt auch – als ein weiterer Zusammenhang – der Status, den der aneignende Künstler selbst besitzt. Ab einem bestimmten Punkt ist Aneignung keine rebellische Tat mehr, sondern nur noch Ausbeutung fremder Leistungen.
Umgekehrt sollte ein Künstler vom Rang Damien Hirsts, der zudem selbst das Prinzip Readymade ausgiebig benutzt, selbstverständlich großzügig sein. Oder kann es sein, dass Hirst mit seinen Forderungen an den Schüler ironisch sein wollte? Sollte man den großen Wirbel um Copyright selbst als Kunst verstehen? Wenn ja, dann wäre Kopierschutz für Urheberrechtstreits fällig. Langsam wird es nämlich langweilig.

Daniel Völzke