Biennale Spezial

Gehen und sehen: Die Pavillons - Niederlande

Fiona Tan reist die Seidenstraße entlang, die Schriften Marco Polos im Gepäck

von Elke Buhr
01.06.2009

Sie sei eine professionelle Fremde, hat Fiona Tan einmal in einem Interview gesagt. „Meine Selbstdefinition ist eigentlich eine Unmöglichkeit: nur durch das bestimmt, was ich nicht bin.“ Die Biografie der 42-Jährigen ist allerdings wirklich kompliziert: Sie wurde als Tochter einer Chinesin und eines Australiers in Indonesien geboren, dann wanderte die Familie nach Australien aus, in den 80er-Jahren studierte Fiona Tan Fotografie in Hamburg, später ging sie an die Kunsthochschule in Amsterdam, wo sie noch heute mit ihrer Familie lebt – und wo sie jetzt ausgewählt wurde, den niederländischen Pavillon der Venedig-Biennale zu bespielen.
Immer wieder geht es in Tans Werk um die Frage von Identität und um die oft verwirrenden Effekte von wechselseitigen kulturellen Projektionen. In dem Video „A Lapse of Memory“ (2007) lässt sie beispielsweise einen alten Briten in einer pseudochinesischen Villa aus dem 19. Jahrhundert seltsame, irgendwie asiatisch wirkende Übungen ausführen. Doch ist Fiona Tan nicht die kuratorenfreundliche Migrantin vom Dienst: Ohne die ästhetische Dimension, so sagt sie, sei Kunst nichts, und oft bestechen ihre Filme durch eine geradezu meditative Schönheit und Ruhe.
Ihre besondere Spezialität ist die Übertragung klassischer Porträtkunst auf das bewegte Bild. Für die Documenta 2003 nahm sie 200 Berliner in einer raffinierten Neuformulierung der klassischen Gesellschaftsporträts August Sanders auf. Und in Venedig zeigt sie eine jüngere Arbeit, die für das Rijksmuseum Amsterdam entstanden ist. Sie hat dortige Renaissanceporträts in einen Dialog mit filmischen Porträts von Menschen von heute gebracht: eine junge Frau, ein Kind, eine Frau in einer Bibliothek. „Provenance“ heißt diese Arbeit: Der kunsthistorische Begriff der Provenienz führt hier zu der Frage, was den Menschen ausmacht.
Das titelgebende Werk für Fiona Tans niederländischen Pavillon wird die Videoinstallation „Disorient“ sein. Darin beschäftigt sie sich mit den Schriften des venezianischen Kaufmanns Marco Polo. Dessen Beschreibungen seiner Chinareise im 13. Jahrhundert sind zwar nach Meinung von Historikern größtenteils erfunden, doch sie haben das Bild des Westens vom Orient für Jahrhunderte geprägt.
„Der Mangel an Verständnis für andere Kulturen und die Weigerung, sich wirklich mit anderen Bräuchen und Religionen zu beschäftigen, ist heute genauso verbreitet und tragisch wie vor 700 Jahren“, kommentiert Fiona Tan. „Auch in unserer Zeit haben Handel und ökonomische Ziele ständig Vorrang vor Gerechtigkeit, Vernunft und menschlichem Mitgefühl.“ Edward Saids These von der ewigen Verkennung des Orients durch den Westen im „Orientalismus“ ist Fiona Tans theoretischer Ausgangspunkt – und der junge Kaufmann von Venedig ist ihr Führer bei ihrer nachdenklichen,
visuell opulenten Reise in das Land des „Disorient“.

Giardini della Biennale,
www.fionatanvenice.nl

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