„Die Zeit ist der größte Künstler“
Als Antiquitätenhändler ist Axel Vervoordt reich geworden, als Inneneinrichter von Königen, Oligarchen und Popstars berühmt. Jetzt will er in Venedig mit der Ausstellung „In-Finitum“ unseren Blick auf die Kunst verändern. Cornelius Tittel hat Vervoordt in seinem Schloss bei Antwerpen getroffen. Ein Gespräch über Picassos letztes Bild, gefundene Steine und die Sehnsucht nach Leere
Ich mag es monochrom“, sagt Axel Vervoordt, und er redet nicht über die Manzonis, Fontanas oder Yves Kleins, die an den Wänden seines Wasserschlosses ’s-Gravenwezel bei Antwerpen hängen. Er redet über Blumenbeete.
Wir fahren durch einen weitläufigen Park, die Einfahrt seines Anwesens ist im Rückspiegel längst verschwunden. „Sehen Sie hier, auf der rechten Seite: An diesem See habe ich ausschließlich gelbe Azaleen pflanzen lassen. Später, bei einem Spaziergang, werden Sie auf der anderen Seite die lilafarbenen Rhododendren sehen.“ Blumenbeete trifft es nicht ganz, ebenso wenig wie Axel Vervoordt nur ein Antiquitätenhändler ist. Es sind Meere von Blüten, und auch der Mann, der jetzt das Fenster der schwarzen S-Klasse heruntergleiten lässt, um einen seiner vier Gärtner zu grüßen, ist weit mehr. Axel Vervoordt, 62 Jahre alt, ist Meister aller Klassen. Die Besucher der Maastrichter Tefaf lieben seine Messestände, auf denen er Khmer-Skulpturen, römische Statuen und Meisterwerke von Rothko bis Brancusi so zusammenbringt, als seien sie schon immer füreinander bestimmt gewesen. Als Inneneinrichter gestaltet er die Häuser von Prominenten wie Bill Gates, den Agnellis oder Steven Spielberg. Und dann ist da noch seine neueste Leidenschaft, das Kuratieren. „Eigentlich“, sagt er, während wir an den Pferdestallungen vorbeifahren, „wollte ich mir nur selbst ein Geschenk zum 60. Geburtstag machen. Eine Ausstellung, aber nicht die Art von Verkaufsausstellungen, die ich sonst mache. Ich wollte etwas ohne Limits machen, das alles zusammenbringt, was ich liebe. Ganz Altes und ganz Neues, Sachen aus meiner Privatsammlung, gemischt mit Leihgaben – eine Schau von Museumsqualität mit einem einzigen Thema: Zeit.“ „Artempo“ hieß sie und schlug im Sommer vor zwei Jahren ein wie eine Bombe. Die Besucher des Palazzo Fortuny trauten ihren Augen nicht: Auf rissigen Wänden hingen 500 Jahre alte japanische Leinwände, die wie abstrakter Expressionismus aussahen, ein Aquarell von Marlene Dumas ähnelte verdächtig der Büste eines ägyptischen Priesters. Alles schien plötzlich zeitgenössisch, und wer nicht genau aufpasste, konnte eine abgeblätterte Tischplatte für ein Hauptwerk der Arte povera halten.
Roberta Smith, Chefkritikerin der „New York Times“, zeigte sich weit beeindruckter von „Artempo“ als von der eigentlichen Biennale, der Katalog verkaufte sich bis heute 27 000 Mal, und erst kürzlich bekannte der Berliner Sammler Christian Boros in einem Interview, diese Ausstellung sei es gewesen, die ihn davon abgebracht habe, ausschließlich zeitgenössische Kunst zu kaufen.
Vervoordt sitzt im Esszimmer seines Schlosses und freut sich. „Ich mag es, zu teilen“, sagt er, und man weiß nicht, ob er seine Ideen meint oder den wohltemperierten Bordeaux. Drei Gänge, ein Tablett hausgemachter Pralinés und eine zweite Flasche Bordeaux später liegt Vervoordt zufrieden auf den Kissen seines Wabis – des japanischen Meditationsraums hoch oben unter dem Dach des Schlosses. „Ich könnte ihnen das Lieblingszimmer von Sting herrichten lassen“, schlägt er vor. „Wir halten einen Mittagsschlaf und reden beim Dinner weiter.“
Vervoordt, er weiß das genau und doch muss man es ihm sagen, lebt wie ein Fürst. „Immer, wenn mich jemand darauf anspricht, schäme ich mich für einen Moment“, sagt er zum Abschied. „Aber das Schöne ist: Ein Moment ist schnell vorüber.“
In diesem Sommer scheint sich ein nicht unerheblicher Teil der Kunstwelt mehr auf Ihre zweite Ausstellung im Palazzo Fortuny zu freuen als auf die eigentliche Biennale von Venedig. Was glauben Sie, ist der Grund?
Sagen Sie es mir, bitte!
Vor Ihnen hat sich beispielsweise niemand getraut, eine Brancusi-Skulptur neben einem einfachen Stein zu präsentieren. Beide sahen fantastisch aus. Man hätte nicht sagen können, was schöner war.
Der Stein war wunderbar, nicht wahr? Ich habe ihn tatsächlich in Rotterdam gefunden, auf der Straße.
Was macht für Sie den Unterschied zwischen einem Kunstwerk und einem Fundstück aus, das Sie genauso sehr zu lieben scheinen?
Ich suche selbst noch nach dem Unterschied. Einen schönen Stein, den die Natur geformt hat, kann ich mir genauso lange angucken wie einen Brancusi oder den besten Henry Moore. Ich kann ihn sogar schöner finden. Aber nur weil ich Brancusi so gut kenne, weil ich Moore kenne, kann ich den Stein so sehr genießen, verstehen Sie? Diese Künstler sind für mich in ihm präsent. Das war auch etwas, das ich mit „Artempo“ beweisen wollte: dass es nicht so wichtig ist, ob etwas signiert oder datiert ist, teuer ist oder umsonst – es geht darum, was ein Gegenstand oder ein Kunstwerk dir emotional sagt.
Was hat Ihnen die alte, weiße, runde Tischplatte gesagt, die Sie vis-à-vis einem Fontana gehängt haben?
Ich liebe Dinge, die anonym sind und mit Liebe gemacht wurden. Dinge, die benutzt und dann vergessen wurden, wiederentdeckt, wieder vergessen und wieder benutzt wurden. All diese langen Geschichten, die können einen Gegenstand für mich zu so etwas wie Konzeptkunst machen. Ich bin einfach empfänglich für die Energie, die in diesen Dingen steckt – eine Energie, die man nicht machen, nicht kaufen, nicht bestellen und nicht vortäuschen kann. Den Tisch habe ich auf einem alten Weingut gefunden, das Licht hat ihn über die Zeit ausbleichen lassen, die Farbe ist nach und nach abgeblättert – und jetzt ist es ein monochromes Gemälde, genauso schön wie der zehn Millionen Euro teure Fontana.
Sie haben als Händler schon viele Fontanas verkauft.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich glaube fest daran, dass der Fontana seine zehn Millionen wert ist, weil er so ein wichtiger Künstler ist. Aber die Zeit ist für mich eben der größte Künstler.
Konnten Sie einen Kunden vom hohen Wert der Tischplatte überzeugen?
Natürlich, ich hätte sie schon mehrmals verkaufen können, weil sie so eine Kraft hat. Aber es ist merkwürdig: Ich sage immer Nein. Den Preis, den ich dafür aufrufen könnte, er wäre nicht hoch genug, weil ich sie selbst so sehr mag. Und ich kann ja schlecht für eine Tischplatte mehr als für ein monochromes Bild von Manzoni verlangen. Also ist sie immer noch in meiner Sammlung.
Was waren Sie zuerst – Sammler, Händler oder Innenarchitekt?
Sammler. Oder sagen wir es so: Ich wollte alles über Kunst und Antiquitäten lernen. Und genug Geld verdienen, um mir meine Traumobjekte leisten zu können. Nur deshalb begann ich, zu kaufen und zu verkaufen – um sammeln zu können. Schon ganz am Anfang habe ich ausschließlich mit meinem Bauchgefühl Dinge gekauft, die ich toll fand. Bei manchen Sachen wusste ich, was es war, bei anderen hatte ich keine Ahnung und habe mich dann erst nach dem Kauf damit beschäftigt. Meine Eltern hatten viele Freunde, die Sammler waren, die haben mir vieles erklärt, oder sie haben mich an Experten weiterverwiesen.
Wie alt waren Sie damals?
Ich habe früh angefangen, mit 14. Das Tolle ist: Wenn du 14 bist, erzählen sie dir alles, auch ihre Betriebsgeheimnisse. Meine Eltern haben mir finanziell geholfen, aber ich musste von Anfang an einen ordentlichen Prozentsatz des Gewinns an meinen Vater zahlen. Ich habe damals viel gespart, von dem Geld immer neue Sachen gekauft und diese weiterverkauft, erst an Freunde meiner Eltern, dann an andere Händler. Mit 15 liefen die Geschäfte schon sehr gut, mit 21 hatte ich meinen eigenen Magritte, „La mémoire“ – und den unglaublichsten Schatz an Antwerpener Silber.
Womit haben Sie vor allem gehandelt?
Hauptsächlich mit Antiquitäten, die ich in England gekauft habe. In den späten 60er-Jahren mussten die Engländer enorme Erbschaftssteuern zahlen, die großen, alten Familien bis zu 90 Prozent. Und ich lernte diese Leute durch die Freunde meiner Eltern kennen, besuchte sie, ging in die Keller und auf die Dachböden. Und ein Teil behielt ich immer für mich.
Befindet sich der Magritte noch in Ihrer Sammlung?
Nein, den habe ich schnell wieder verkauft. Bei Magritte gibt mir eine Abbildung in einem Buch genauso viel wie das eigentliche Gemälde, die Idee ist wichtiger und besser als das eigentliche Bild. Aber ich habe es vor allem deshalb verkauft, weil ich Geld für meinen ersten Laden brauchte. Oder besser: für ein Haus an der Vlaeykensgang in Antwerpen, einer Straße, in der ich nach und nach 20 Häuser gekauft, renoviert und miteinander verbunden habe. Mit 21 habe ich mich entschieden, Ernst zu machen mit dem Handel, aber ich wollte keinen klassischen Laden, sondern ein Haus, in dem ich alle Sachen um mich habe und wo nicht ganz klar ist, was zu verkaufen ist und was nicht. Mir selbst war es oft auch nicht klar – bis zu dem Moment, in dem der richtige Kunde auf das richtige Objekt traf.
Wieso, glauben Sie, hatten Sie so schnell einen so großen Erfolg? Es gibt auch andere erfolgreiche Händler – aber keinen, der mit 21 beginnt, eine ganze Straße zu kaufen.
Ich habe mir von Beginn an einen Preis überlegt und ihn transparent gemacht – und von dem bin ich nie abgewichen. Dann war wichtig, dass ich von sehr reichen Menschen nie einen Cent mehr verlangt habe als von weniger reichen. Und, vielleicht noch wichtiger: Von Anfang an konnte jeder Kunde die Sachen zurückbringen. Ich habe immer einen Preis gemacht, zu dem ich die Arbeit selbst zurückkaufen würde.
Yves Saint Laurent war einer Ihrer ältesten und besten Kunden. Haben Sie mitgesteigert, als Christie’s kürzlich seine Sammlung versteigert hat?
Selbstverständlich. Aber ich habe nicht die Sachen gekauft, die ich ihm damals verkauft habe. Die waren toll, aber sie sind viel zu teuer geworden. Ich liebe es, eher unterbewertete Sachen zu kaufen. Sachen, für die sich kaum jemand interessiert, die aber so fantastisch sind, dass ich andere mit meiner Begeisterung anstecken kann.
Man sagt, Sie seien der Erste gewesen, der den oberen Zehntausend für viel Geld uralte, krumme Bauerntische verkauft hat.
Noch schlimmer: Ich war der erste Händler, der auf der Tefaf einen Rothko über eine Hirtenkommode gehängt hat. Die Kollegen haben es gehasst. Sie fragten mich entsetzt: „Wie kannst du nur so ein kostbares Bild über so ein abgewetztes Möbel hängen?“ Ich wiederum habe nie verstanden, wie man einen Rothko über eine Louis-quatorze-Kommode hängen kann, nur weil sie teuer ist. Meine Möbel haben eine Seele, so wie ein Rothko eine Seele hat – die der Kollegen waren nicht mal aus solidem Holz. Und es hat funktioniert: Ich war immer ausverkauft, während die anderen oft genug auf ihren goldglänzenden Preziosen sitzen geblieben sind. Bis heute sind die alten, krummen Sachen sehr im Wert gestiegen.
Schaut man sich die Künstlerliste von „Artempo“ oder ihrer zweiten Ausstellung „Academia“ an, die letzten Sommer in Paris stattfand, so findet man viele Namen, die im Kunstdiskurs momentan kaum eine Rolle spielen — von Ihnen aber heiß verehrt werden.
An wen denken Sie?
Beispielsweise an Jef Verheyen oder Otto Piene, überhaupt an Künstler aus dem Umfeld der Gruppe Zero.
Stimmt, die sind auch völlig unterbewertet, auch wenn sich das langsam ändert. Ich glaube sehr stark an die Zero-Bewegung. Und ich halte Jef Verheyen für einen der wichtigsten Künstler überhaupt. Wussten Sie, dass Fontana Gemeinschaftsarbeiten mit Verheyen gemacht hat? Oder dass Günther Uecker mehrere Hommagen auf Verheyen gemacht hat? Ich habe für Venedig einen wunderbaren Verheyen bekommen, von Nanda Vigo, der Witwe von Piero Manzoni. Es war eines der absoluten Lieblingsbilder von Manzoni. Ich werde das in den Katalog schreiben: aus der Sammlung Manzoni. Das wird den Leuten Zusammenhänge erschließen.
Was fasziniert Sie so an Zero?
Es ist für mich – Fontana, Manzoni und Yves Klein eingeschlossen – die wichtigste Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Menschen sind auf dem Weg zum Mond, die Welt ist so klein geworden, und Fontana fragt sich, was er noch malen kann. Und dann beschließt er, die Leinwand hin zu einem endlosen Raum zu öffnen – aus dem heraus alles Neue geboren wird. Er und Gleichgesinnte in Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, sie kreieren die Leere, „the void“. Für mich ist Zero so wichtig, weil es der Anfang und das Ende von allem ist. Und das Beste ist: Die Wissenschaft sieht das genauso.
Die Bedeutung von Zero ist wissenschaftlich erwiesen?
Ich erzähle ihnen etwas: Ein Freund von mir, Eddi De Wolf, ist Physikprofessor am Cern-Institut in Genf. Er hat mir erzählt, dass die Wissenschaft inzwischen weiß, dass in einem Kubikdezimeter leeren Raumes mehr Energie ist als in jedem anderen Material. Luft, die Leere, hat mehr Energie als Platin, Uran oder Gold. Sie können die Energie heute noch nicht spalten, aber wenn Sie es können, sagt er, wird ein Kubikdezimeter leerer Raum alle Ozeane dieses Planeten erhitzen können. Und genau deshalb glaube ich, dass Fontana und die Zero-Bewegung noch viel bedeutender sind, als jeder denkt. Für mich ist es so: Die Wissenschaft beweist heute, 50 Jahre nach Zero, dass ihre Themen die wichtigsten sind. Und gleichzeitig sieht es die alte orientalische Philosophie genauso.
Sie meinen den Zen-Buddhismus?
Genau. Dort lernt man, sich völlig zu leeren, um aus dieser Leere die größte Energie zu schöpfen. Das ist das Gleiche. Das fasziniert mich so: Du hast ganz alte Philosophie auf der einen Seite und die Wissenschaftsavantgarde auf der anderen – und dann hast du diese Gruppe von Künstlern, die in den 50er-Jahren auf ihre Art das Gleiche thematisieren. Ich hatte immer dieses Bauchgefühl und habe nie auf Beweise gewartet – aber jetzt sehe ich mich natürlich bestätigt.
Sie sprechen oft von Ihrem Bauchgefühl. Ein Wort, das man in der Kunstwelt nur sehr selten hört.
Schade eigentlich. Ich glaube ja bis heute daran, dass man Kunst mit den Augen eines Kindes begegnen muss. Man muss etwas einfach toll finden, ohne groß darüber nachzudenken – nachdenken kann und sollte man später immer noch.
Mit den Augen eines Kindes! Einigen unserer Leser wird spätestens jetzt der Atem stocken.
Aber gerade deshalb scheinen die Leute doch meine Ausstellungen so sehr zu mögen – bei mir gibt es kein Gesetz, keinen Diskurs, keine Theorie. Dafür aber eine große Sensibilität, die man einfach spürt. Ich glaube, viele in der Kunstwelt geben es nicht zu, aber sie sind sehr müde von dem, was sie sehen. Wenn du keine Erklärung bekommst, dann hast du oft gar nichts gesehen. Es ist so langweilig und auf eine Art auch unmenschlich. Die Leute sehnen sich nach Dingen, die eine Aura haben. Eine schöne ägyptische Statue oder ein römischer Torso können sehr zeitgenössisch aussehen. Aber sie sind stärker als das meiste, was heute gemacht wird. Die Leute wollen das Echte haben, die Aura der Zeit, nicht nur Konzepte und Gerede.
Hatten Sie keine Angst, als der Finanzmarkt zusammenbrach? Sie haben immerhin fast 100 Angestellte, müssen das Schloss mit 140 Hektar Grund und Ihren riesigen Showroom Kanaal in einer ehemaligen Brauerei bei Antwerpen unterhalten.
Ich hatte große Angst! Aber die hat sich schnell gelegt. Der Handel expandiert, und wir richten mehr und größere Häuser ein als je zuvor. Wir machen gerade einen Palast in St. Petersburg, ein riesiges Anwesen in den Hamptons. Und durch die Ausstellungen ist das Interesse noch größer geworden. Gott sei Dank kümmert sich mein Sohn Boris inzwischen um die meisten Projekte, ich selbst mache es nur noch, wenn es Freunde sind, die auf mich bestehen.
Was ist momentan Ihr Lieblingsprojekt?
Ich renoviere gerade das letzte Haus von Picasso und richte es ein, ein fantastisches Haus. Ich bin deshalb ernsthaft aufgeregt. Als er starb, wurde es geschlossen, und alles blieb wie es war, die Erben wollten ursprünglich ein Museum daraus machen.
Wo liegt es?
In Mougins, mit Blick auf die kleine Kirche Notre Dame de Vie. Ich war mit einem sehr guten Kunden, einem Freund, in Mougins. Wir waren in einem sehr teuren Haus, das ich überhaupt nicht mochte. Der Blick war nicht gut, die Atmosphäre war nicht gut, und ich sagte ihm: „Für den Preis kannst du etwas Besseres finden, einen richtigen Familienwohnsitz, in dem du die Hochzeiten deiner Kinder feiern kannst.“ Er sagte ganz beiläufig, sein Bankier habe ihm erzählt, das Haus von Picasso stehe zum Verkauf. Das war um zehn Uhr morgens. Und ich dachte nur, das will ich sehen – selbst wenn wir es nicht kaufen.
Und?
Um zwölf Uhr waren wir da – und es war bewegend! Ein riesiges Haus wie eine alte Festung, so reell, so stark, 1000 Jahre alte Olivenbäume, wir dachten, wir seien in Siena gelandet, irgendwann im 15. Jahrhundert. So unberührt war alles. Ich war augenblicklich verliebt in den Ort. Es war der erste Tag, an dem es auf dem Markt war. Ich sagte zu meinem Freund: „Wenn deine Frau es nicht mag, nehme ich es, aber wir müssen es kaufen. Jetzt!“ Das war um zwölf Uhr. Um 14 Uhr war der Vertrag unterschrieben.
Geld spielte, wie bei den meisten Ihrer Projekte, offensichtlich keine Rolle.
Sagen wir es so: Das Haus war teuer, aber nicht zu teuer für so etwas Besonderes. Es ist bestimmt nicht jedermanns Geschmack, weil es einfach ist, fast ärmlich, überhaupt nicht glamourös – aber es ist genau das, was ich liebe, ein Ort voller Kraft. Kein Wunder, dass Picasso so lange dort gelebt hat.
Werden Sie es historisch renovieren?
Wir werden so wenig wie möglich machen, aber man möchte ja auch nicht in einem Mausoleum leben. Gott sei Dank haben meine Kunden einen tollen Geschmack, ich habe für sie und das Haus eine Sammlung von Möbeln aus Künstlerateliers zusammengetragen – Möbel mit Geschichte, mit Farbspuren und allem, was dazugehört. Dazu kommt die Kunst aus ihrer Sammlung, sie haben beispielsweise einen tollen Gerhard Richter und einen wunderbaren Anish Kapoor.
Keinen Picasso?
Leider nein – ich finde auch, dass sie unbedingt einen brauchen! Aber die Geschäfte laufen gerade nicht so rund, und sie sind momentan nicht in der Stimmung, einen guten Picasso zu kaufen. Also habe ich ihnen gesagt, ihre Kinder sollen malen – manche Sachen von kleinen Kindern sind wirklich so stark wie ein Picasso. Sie sollen angeleitet werden und dann machen, was sie wollen. Töpfereien, große Ölgemälde, kleine Zeichnungen. Dann sind die Kinder involviert und begreifen es sofort als ihr Haus.
Wie läuft das, wenn ein Kunde zu Ihnen kommt und Sie bittet, sein Haus einzurichten? Wollen Ihre Kunden, dass Sie sich um alles kümmern?
Wenn jemand sagt: „Just do it!“, dann mache ich es nicht. Es ist immer schrecklich, wenn ein Dekorateur alles macht. Für mich besteht die Kunst darin, das Porträt eines Kunden in seinem eigenen Haus zu zeichnen. Er soll vom ersten Tag an das Gefühl haben, schon immer dort gelebt zu haben. Der Mann, die Frau, die Kinder, jeder muss einen Lieblingsort im Haus haben, ich will sie alle kennenlernen.
Und wenn die Leute überhaupt nicht wissen, was sie mögen?
Ich lasse sie hier, im Schloss und im Kanaal, rumlaufen, und sie sollen sagen, was sie mögen und was sie hassen. Manchmal sorge ich dafür, dass sie das kaufen, was sie hassen. Hass und Liebe sind sich sehr nah. Ich habe zum Beispiel Cy Twombly gehasst. Ich sah seine Sachen, als ich 18 war, und fand sie einfach abstoßend, ich habe Monate daran gedacht, wie schrecklich diese Ausstellung war. Normalerweise vergisst du eine schlechte Ausstellung ja sofort. Und dann schlug der Hass irgendwann in eine extreme Liebe um. Deshalb achte ich darauf, wenn jemand extrem negativ auf etwas reagiert. Es könnte genau das sein, was er am dringendsten braucht.
Ihre Kunden sind sehr verschieden: Designer wie Tom Ford, Filmleute wie Robert De Niro und Steven Spielberg, Bill Gates – aber auch Oligarchen und alter europäischer Adel. Kommt es nicht vor, dass jemand Ihre Philosophie überhaupt nicht versteht und einfach nur aus Prestigegründen ein Haus von Ihnen will? Allein deshalb, weil er dann erzählen kann, er hätte denselben Inneneinrichter wie die Agnellis?
Sie müssen es wollen, und sie müssen es verstehen. Aber manchmal kommt es vor, dass ich wichtige Klienten auf Reisen schicke. Oder sie mitnehme nach Japan, ihnen die tollsten Ryokans zeige. Ich stelle ihnen fantastische Mönche vor, die in abgelegenen Bergdörfern leben, ich lasse sie die Stille der Klöster spüren, die Kraft, die darin liegt. Ich bringe ihnen einfach den Wert und den Reichtum der einfachsten Dinge nahe. Bei zwei sehr wichtigen Kunden haben diese Reisen ihr Leben vollkommen verändert.
Wirklich?
Sie sind so dankbar! Und es ist nicht nur gut für ihren Geist, es ist sogar gut für ihr Business, weil sie eine ganz neue Perspektive auf die Dinge bekommen. Die meisten meiner guten Kunden sind sehr glücklich – sie haben nicht nur ein wunderschönes Haus, sondern oft auch einen Freund fürs Leben gefunden, und sie haben Dinge in sich selbst entdeckt, von denen sie gar nichts wussten.
Ein wenig klingt das so, als hätten Sie neben dem Job des Händlers, Einrichters und Ausstellungsmachers noch einen vierten – den des Gurus für sinnsuchende Superreiche.
Sehen Sie: Ich berate seit mehr als 20 Jahren eine königliche Familie, ich kenne ihre Sammlung besser als sie selbst und richte alle ihre Häuser und Schlösser ein, ich weiß haargenau, was die auf dem Dachboden haben. Das ist absolut faszinierend, was man mit so einem Fundus inszenieren kann. Aber ich habe eben auch Kunden, die erst vor Kurzem sehr reich geworden sind. Und die verändern sich nach einer Weile. Es ist wie eine Ausbildung. Ich will gar nicht, dass sie sich ändern, aber meist sind sie es selbst, die sich ändern wollen.
Wie meinen Sie das?
Ich finde, dass ein neureicher Milliardär nicht versuchen sollte, zu einem aristokratischen Snob zu werden. Im Gegenteil, er sollte versuchen, er selbst zu bleiben. Gerade wer reich ist, kann es sich doch leisten, absolut er selbst zu sein. Und ich bin eben absolut davon überzeugt, dass man durch Kunst den Leuten helfen kann, sie selbst zu sein. Deswegen halte ich es für wichtig, Geld in Kunst zu investieren. Es hilft spirituell. Man sieht den Unterschied zwischen Menschen, die eine Menge Geld gemacht haben und immer noch in einem schlimmen Haus wohnen, und Menschen, die sich mit Kunst umgeben – die haben eine andere Attitüde, sind offener für neue Ideen. Und das hilft ihnen letztlich auch in ihrem Geschäft.
Es heißt, Sie hätten auch Madonna beraten. Sie beide kann man sich ehrlich gesagt nur sehr schwer zusammen vorstellen.
Ich habe sie zweimal getroffen, sie kam auch hierher. Aber am Ende hatte ich das Gefühl, dass sie eine fokussierte Persönlichkeit ist, dass sie meine Hilfe gar nicht braucht.
Wenn Sie spontan das Haus eines berühmten Klienten nennen müssten, das Sie besonders mögen, welches wäre das?
Ganz wunderbar ist zum Beispiel das Haus von Sting in der Toskana. Ein magischer Ort. Das Tolle daran ist, dass es von der einen Seite eine prächtige Villa ist und von der anderen Seite eine Farm – dasselbe Haus! Aber das Problem ist, dass die Kunden heute nicht mehr wollen, dass man über sie redet.
Eigentlich wollten wir ja auch über Ihre kommende Ausstellung sprechen. Bevor wir den Faden verlieren: Was wird den Venedig-Besucher im Palazzo Fortuny erwarten?
Die Ausstellung heißt „In-Finitum“, es geht um das Unendliche und das Unvollendete. Eine Mischung aus Leihgaben und eigenen Sachen. Es ist schwer für mich, meine Idee für die Ausstellung in Worte zu fassen – ich brauche die Objekte dafür. Sie müssen es selbst sehen.
Was genau muss ich sehen?
So vieles! Die Ausstellung wird größer sein als „Artempo“. Mit Fontana, Uecker und James Turrell werde ich mich dem Kosmischen widmen. Es wird einen schwarzen Raum geben, nur mit schwarzen Gemälden – ursprünglich eine Idee von Paul Klee. Ich werde dort zwei Bilder von Ad Reinhardt zeigen, einen wunderbaren Malewitsch, einen Alberto Burri, einen Fontana und einen Verheyen. Alles in der Ausstellung wird aus fast nichts bestehen, nichts darf zu figurativ sein, alles muss in das japanische Konzept des ku passen, das die Leere thematisiert. Und im Dachgeschoss werde ich eine „sanctuary of silence“ installieren, ein Heiligtum der Stille.
Das klingt schwer esoterisch.
Sie werden es lieben, versprochen. Das Dachgeschoss wurde vorher nie genutzt, es ist riesig, 45 mal 70 Meter, und ich installiere dort ein Labyrinth, das ich aus den einfachsten Materialien baue. Das Labyrinth ist aus Karton, die Wände sind mit Schlamm gestrichen, den ich aus der Lagune habe abpumpen lassen. Alles wird von alten Pfählen aus der Lagune gestützt, an denen früher die Venezianer ihre Boote festgemacht haben. Es ist ein Labyrinth, in dem sich die Besucher verlieren werden. Und in dem nur Werke zu finden sind, die eine mystische, heilige Stille ausstrahlen. Alles wird von diskreter Proportion sein und trotzdem eine starke Präsenz haben – und wer Glück hat, findet im Inneren eine Arbeit von Anish Kapoor, die er speziell für das Labyrinth konzipiert hat.
Auf welches Werk in der Ausstellung sind Sie besonders stolz?
Es sind zwei unvollendete Werke. Das letzte Bild von Miro, das er nur noch blau grundieren konnte, bevor er starb, ein wunderbares monochromes Gemälde. Und das letzte Bild von Picasso, das ich unbedingt für meine Sammlung kaufen möchte: eine weiße Leinwand, die er nur datiert hat kurz vor seinem Tod. Verstehen Sie, was ich meine?
Die absolute Leere, von Picasso datiert.
Sie sagen es: die absolute Leere, von Picasso datiert. Die muss ich einfach haben, oder nicht?
„In-Finitum“, Palazzo Fortuny,
Venedig, 6. Juni bis 15. November




