Portfolio

Jack Pierson - Jerusalem

Jack Pierson ist Chronist unerfüllter Sehnsüchte. „Selbstporträts“ nannte er seine Fotos von schönen jungen Männern, mit denen er berühmt wurde. In den letzten Jahren konzentrierte er sich ausschließlich auf sein skulpturales Werk. Jetzt hat Pierson die Kamera wieder zur Hand genommen. Seine neue Fotoserie, die Monopol hier erstmals präsentiert, sucht das Idyll und findet: Melancholie

von Daniel Schreiber
01.06.2009

Sehnsucht und Verzweiflung liegen oft nah beieinander. Ambitionen tragen ihr Scheitern schon in sich, Begehren bleibt unerwidert. In der Mitte des Lebens rücken Träume, deren Realisierung lange selbstverständlich schien, plötzlich in weite Ferne: Schön ist das, was unerreichbar ist.
Jack Pierson, New Yorker Künstler und Fotograf, Jahrgang 1960, ist ein Spezialist für unerfüllte Sehnsüchte. Sein Werk ist irgendwo im Niemandsland zwischen Ironie und Pathos angesiedelt, zwischen Zynismus und Melancholie. In seinen Wandinstallationen verarbeitete er pittoresk wirkende Metall- und Holzbuchstaben von Leuchtreklamen alter Butcher-, Barber- und Bodega-Shops. „Wasted Youth“ und „Your Face“ lauteten die Botschaften dieses hintersinnigen Scrabble-Spiels – oder „Cocaine“. Jack Piersons fotografische Sensibilität bildete sich im East Village der 80er- und 90er-Jahre heraus. Nan Goldins berührende Heroin-Elegien standen Pate, Bruce Webers in Sex getauchte Modeserien, Mark Morrisroes existenzieller Partypeople-Chic oder Peter Hujars Schwarz-Weiß-Akte einsamer, schon früh vom Leben gezeichneter Männer.
Die Fotos von hübschen schwulen Jungs, die Jack Pierson bekannt gemacht haben, wirken wie Schnappschüsse, die nach glücklichem Nachmittagssex entstanden sind. Seine Modelle blicken mit schläfrigen Augen frontal in die Kamera. Eine genau austarierte, subtile Überbelichtung suggeriert Spontaneität, die Eingebung eines emotional aufgeladenen Moments. Doch die nonchalante Atmosphäre täuscht nur kurz darüber hinweg, wie genau die klassischen Posen komponiert sind. Die Farben wirken, als hätte der Fotograf seine Abzüge in der Palette eines alten Meisters getränkt. Die Erzählungen der einzelnen Bilder sind von langer Hand geplant. „Self Portraits“ hat Pierson seine Akte genannt, um eine sexuelle Biografie vorzugeben, die nicht die seine war.
Die Fotos, die Jack Pierson für „Jerusalem“ zusammengestellt hat – und die jetzt in Monopol erstmals zu sehen sind –, stammen von einer Reise im Januar dieses Jahres. Schon 2003 hatte er aufgehört, regelmäßig zu fotografieren. „Es gibt so viele Fotografen“, sagt Pierson, „und ich hatte das Motiv der schönen Männer für mich ausgeschöpft. Es war zu einer Gewohnheit geworden.“
Die Reise führte ihn an die drei Küs­tenorte, die das geografische Dreieck umreißen, in dem sich ein Großteil seines Lebens abgespielt hat. „Jerusalem“ heißt die Serie, weil die Reise eine Art Pilgerfahrt darstellte. Von Fort Myers an der Westküste Floridas, wo seine Mutter lebt, flog er nach Provincetown in Massachusetts zu einem engsten Freund und schließlich zu seinem eigenen Ferienhaus in Südkalifornien. Aus einem Impuls heraus nahm er seine Fuji 6x4,5 mit, ein semiprofessionelles, analoges Kameramodell, das schon lange nicht mehr hergestellt wird. Eine Rolle des vertikal ausgerichteten 6x4,5-Films hat 15 Bilder. Ganze elf davon verschoss Pierson eher zufällig. Die Fotos der hochgeschossenen Kokospalmen stammen von Spaziergängen in Florida. In Provincetown fotografierte er den blauen Winterhimmel, die Atlantikwellen und den steinigen Sandstrand. Das Blattwerk der Hanfpalmen, in denen sich das Licht der Morgendämmerung spiegelt, kann er von seinem südkalifornischen Schlafzimmerfenster aus sehen. „Bestimmte Worte funktionieren nicht gut, wenn man ein Kunstwerk beschreiben will“, so Pierson. „‚sentimental‘ zum Beispiel oder ‚romantisch‘, ‚poetisch‘ und ‚hübsch‘. Aber genau das sind die Eigenschaften von Dingen, die ich am meisten schätze.“
Als er in seinem Studio in New York den Film entwickelte, erzählt er, fühlte er sich wie damals, als er angefangen hatte zu fotografieren. Er pinnte die Abzüge einfach an eine Wand und versuchte, der versteckten Geschichte seiner Pilgerfahrt zu den Stationen seines Lebens auf die Spur zu kommen.
Es sind Bilder, die auch ein Reiseprospekt schmücken oder als Werbeplakat für eine Fluglinie dienen könnten. Fast zynisch spielen sie mit unseren Vorstellungen von tropischen Sehnsuchtsidyllen, unseren Fantasien von einer mühelosen Heimat. Zugleich verströmen sie ein lyrisch gesteigertes Gefühl von Einsamkeit und Verlorensein. Sie sind Dokumente des Wunsches, ein Zuhause zu finden, und Zeugnisse der Einsicht, dass dies unmöglich geworden ist. Was diese Fotos bebildern, ist der erfolgreiche Verrat an einer unerfüllten Sehnsucht. Ein opportunistischer Verrat allerdings. Verfolgt er doch nur das Ziel, die hinter der Sehnsucht liegende Fantasie zu retten.