48 Stunden Venedig
Biennale-Besucher kennen das Problem: Die Kunst kann noch so toll sein, muffige Absteigen und katastrophale Restaurants können einem gehörig Spaß und Magen verderben. Gut, dass unsere Kolumnistin Abhilfe weiß. Mit ihren Adressen im Gepäck kann nichts mehr schiefgehen
Übernachten
Die Hotelklassiker in Venedig sind alle traumhaft schön, aber für viele einfach unbezahlbar. Zum Glück gibt es ein paar charmante preiswertere Alternativen, die ebenso venezianische Atmosphäre verströmen. Dazu gehört das Hotel Flora. Es ist nur wenige Schritte vom legendären Hotel Bauer (San Marco 1459, Tel. +39/0415/20 70 22) entfernt, auf dessen Terrasse zum Canal Grande hin zur Biennale-Eröffnung bis in den Morgen hinein gefeiert wird. Das Herz des Hotels ist ein zauberhafter, Wein-umrankter Innenhof, wo man morgens malerisch seinen Espresso trinken kann. Ich habe noch nicht mal in einem der schöneren, mit Antiquitäten eingerichteten Zimmer gewohnt, mich aber trotzdem immer sehr wohlgefühlt (San Marco, 2283/A, Tel. +39/0415/20 58 44).
Das Novecento Boutique Hotel ist gemütlich und ideal gelegen, gleich in der Nähe sind die Piazza San Marco und die Accademia-Brücke. Die Hauptinspiration zur Einrichtung kam von Mariano Fortuny, dem Maler, Bühnenbildner und Designer, der 1889 nach Venedig zog. Für mich sind das größte Plus die Federbettdecken: Ich habe bis heute nicht verstanden, wie man unter so einem straff gezogenen, hauchdünnen Betttuch so gut schlafen kann (San Marco 2683/84, Tel. +39/0412/41 37 65).
Das winzige Hotel Al Ponte Mocenigo mit nur zehn Zimmern und zwei Sternen (dementsprechend niedrig sind die Preise) wurde 2004 eröffnet. Es ist keine 50 Meter von der Haltestelle San Stae entfernt (in der Kirche war zur vorigen Biennale die wunderschöne Installation von Ugo Rondinone zu sehen). Die Zimmer im Stil des 18. Jahrhunderts haben die typischen Balkendecken und original venezianische Bodenfliesen. Wie im Flora ist der Innenhof so intim, dass man meint, Romeo und Julia flüstern zu hören (S. Croce 2063, Tel. +39/0415/24 47 97).
Frühstück
Eigentlich peinlich, aber ich liebe das touristische Caffé Florian direkt an der Piazza San Marco mit der schmalzigen, vom Orchester gespielten Walzermusik und dem gefühlte 25 Euro teuren Espresso. Ich gehe hier oft zum morgendlichen cappuccino e cornetto hin oder nachts auf einen letzten Drink. Das älteste Café von Venedig wurde 1720 eröffnet, die Räume sind bis heute unverändert. Zum Kaffee wird Wasser in einer wunderschönen, geschliffenen Glaskaraffe auf dem Silbertablett serviert – zum Sterben elegant (San Marco 56, Tel. +39/0415/20 56 41).
Lunch
In Venedig ein gutes Restaurant zu finden scheint für manchen Besucher ähnlich aussichtslos wie Donald Sutherlands verzweifelte Suche in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“. Doch nicht jedes Restaurant ist eine Touristenfalle: Im Do Farai, knapp 100 Meter westlich der Università Ca’ Foscari gelegen, essen bärtige Professoren und hübsche Studentinnen frischen Fisch. Spezialität: am Tisch tranchiertes Wolfsbarsch-Carpaccio (Dorsoduro 3278, Calle del Cappeller, Tel. +39/0412/77 03 69).
Auf der Terrasse des Hotel Monaco, ganz in der Nähe der Piazza San Marco, ist die Aussicht auf den Canal Grande und die Kirche Santa Maria della Salute herrlich, und das Essen des Ristorante Grand Canal ist trotz touristischer Lage gut und frisch. Die gestärkten Stoffservietten sind auch immer wieder ein kleines Wunder und zeigen den eisernen Willen, sich nicht von den Touristenmassen auf ein niedriges Niveau drücken zu lassen (San Marco 1332, Tel. +39/0415/20 02 11).
Happy Hour
Die Venezianer gehen nach der Arbeit in eine der einfachen Bars mit Terrazzoboden und Marmortheke auf einen Drink. Die bekannteste ist die Osteria Ca D’Oro (Calle del Pistor, Tel. +39/0415/28 53 24), auch La Vedova genannt. Ein Gläschen geht immer!
Dinner
Wer ausgezeichnetes Seafood essen möchte, sollte unbedingt ins Corte Sconta gehen. Es ist schwer zu finden in dem Gewusel kleiner Gassen, aber es lohnt sich, nicht aufzugeben. Das Mobiliar ist schlicht, das Essen von ausgezeichneter Qualität. Hier treffen sich Künstler und Schriftsteller, und die wissen schließlich immer, wo das Essen am besten ist (Castello, Calle del Pestrin 3886, Tel. +39/0415/22 70 24).In dem kleinen, unprätentiösen, in Dorsoduro versteckt liegenden Restaurant La Bitta gibt es ausnahmsweise keinen Fisch – dafür exzellentes Slow Food, ausschließlich aus lokalen Zutaten. Ich sage nur: lecker! (Calle Lunga de San Barnaba, 2753, Tel. +39/0415/23 05 31) Wer ohne von Menschenmassen begafft zu werden, direkt am Wasser essen will, sollte einen Abstecher nach Cannaregio machen.
In Venedigs „Arbeiterviertel“, unweit der Haltestelle San Marcuola, hat man auch im Sommer noch Luft zum Atmen, und nirgendwo sitzt man romantischer als vor dem Anice Stellato. Besonders gut: Risotto und Fischbällchen (Fondamenta della Sensa 3272, Tel. +39/0417/207 44).
Absacker
Ich kann Venedig nicht verlassen, ohne einen Negroni in der Bar Longhi im Gritti Palace getrunken zu haben. Entweder auf der Terrasse mit Blick auf Santa Maria della Salute (die Kirche mit den Schneckenohren) oder in dem typisch venezianisch eingerichteten Innenraum mit Livemusik, die absolut perfekt in die Bar passt. Ich fühle mich hier immer wie in einem Visconti-Film, genieße einfach nur die Atmosphäre, den superprofessionellen Service, die perfekt zubereiteten Drinks ... (Campo Santa Maria del Giglio 2467, Tel. +39/0417/946 11). Ansonsten trifft man sich zur Biennale in Haig‘s Bar. Ab Mitternacht herrscht ihr eine Stimmung wie auf der Love-Parade (5277 Sestiere San Marco, Tel. +39/0415/28 94 56).
Shopping
Wem beim Anblick von Karnevalsmasken, Muranoglasfigürchen oder mit Kartoffeldruck verziertem Papier übel wird, für den ist Shoppen in Venedig wenig bekömmlich. Es bleiben Missoni (Calle Vallaresso 1312/B, Tel. +39/0415/20 57 33), Bottega Veneta (Calle Vallaresso 1337, Tel. +39/0415/22 84 89, und Campo San Moise 1461, Tel. +39/0411/520 51 97) und Fendi (San Marco 1474, Tel. +39/0412/77 85 32), die in Venedig alle eine große Auswahl der aktuellen Kollektionen führen.
Kunst und Kirche
Mein Pflichttermin nach Besuch der Biennale: ein Rundgang durch Axel Vervoordts Ausstellung im Palazzo Fortuny (siehe Seite 62) (Campo San Beteo, Tel. +39/0415/ 20 09 95). Außerdem gehe ich jedes Mal in die nicht ganz so bekannte barocke Kirche San Zaccaria. Der wunderschöne Platz davor ist schon ein Genuss – mich zieht es vor allem deshalb hierher, weil in meinem Büro das Thomas-Struth-Foto dieser Kirche hängt und ich jedes Mal versuche, sein Werk mit der Wirklichkeit abzugleichen. Vergeblich: In diesem Fall sind beide gleich schön (Campo San Zaccaria).
Das Beste zum Schluss
Ich liebe Harry’s Bar, sie ist einer der Klassiker, die niemals altern. Schade nur, dass sie immer so überfüllt ist, dass man sich mit Peep-Toes kaum hineintraut. Als hätten die Besitzer meine Gebete erhört, haben sie 2003 einen Ableger auf der Insel Giudecca eröffnet: Harry’s Dolce. Ich kann nicht sagen, was mich glücklicher macht: der Blick auf die andere Seite des Kanals oder der Schokoladenkuchen der hauseigenen Patisserie (Sestiere Giudecca 773, Tel. +39/0415/22 48 44).




