Palazzo delle Esposizioni und Arsenale: Daniel Birnbaums „Making Worlds“-Schau kommt ohne Masterplan aus, sie verneigt sich vor den großen Namen und bleibt doch lässig im Fluss der Gegenwart
Am ersten Tag der Venedig-Biennale in die dunkle Baracke des Arsenale abzutauchen gehört immer zu den besten Kunstmomenten.
Und lange war kein Auftakt mehr so prächtig und zart zugleich: Zwischen Decke und Boden sind Goldfäden gespannt, angeleuchtet, als seien sie selbst aus Licht, das körperlos herabfällt. Willkommen in der Kathedrale Kunst. Willkommen im Urwald. Die Kuratoren Daniel Birnbaum und Jochen Volz zeigen auf der 53. Biennale rund 90 Künstler und Künstlerinnen, viele aus einer älteren Generation, und die Brasilianerin Lygia Pape ist nur eine von denen, die dabei auf dem Arsenale-Gelände und im italienischen Pavillon glänzen. Tony Conrad, der mit langsam vergilbenden Papierarbeiten das Licht einfängt, zählt dazu, oder die japanische Avantgardekünstlergruppe Gutai, die in
Japan schon seit 1954 für Performances, Happenings, Mail-Art und Ausbruch aus dem White Cube steht. Ihre Ausstellungen erinnerten schon früh eher an einen anarchistischen Spaßpark als an stumme Andachtsräume. Daran glaubt auch Biennale-Direktor Daniel Birnbaum. Sein Motto „Making Worlds“ klingt einerseits nach unschuldigem Weltverbessern durch Kunst, zugleich lieb und ein bisschen größenwahnsinnig. Doch andererseits beschreibt es die künstlerische und kuratorische Praxis selbst: Möglichkeitsräume herstellen, alle einladen, schauen, was passiert.
Anstelle eines Masterplans, sagt Birnbaum, sei immer ein produktives Chaos vorzuziehen. Vielleicht braucht man dazu die Gelassenheit eines Hochschuldirektors, der weiß, wie die Alten von den Jungen lernen, die Künstler von den Architekten, die Satiriker von den Utopisten und umgekehrt. Am Ende sieht niemand richtig alt aus, nicht einmal neben Klassikern wie Gordon Matta-Clark, André Cadere oder Yona Friedman. Für Daniel Birnbaum ist das System Kunst keine Produktionspyramide, bei der die unteren Lagen im Museum dahindämmern und die Spitze neu und hell glitzert. Es ist ein großes Gespinst aus geglückten und verpassten Momenten, das immer wieder neue Funken schlagen kann, auch wenn man zurückschaut. Die Verneigung vor den großen Namen bleibt auf dieser Biennale lässig im Fluss einer größeren Bewegung, die sich nach allen Rändern und darüber hinausstreckt. Wie der Utopist Tomás Saraceno, der über die Grenzen zu Architektur und Bionik hinweg, aber immer auf der Höhe der Zeit operiert. Im zentralen Pavillon in den Biennale-Giardini, neuerdings Palazzo delle Esposizioni genannt, hat er riesige Raumskulpturen gespannt, die sich an der Webtechnik der Spinne Schwarze Witwe orientieren und allein aufgrund ihrer Verarbeitung unvorstellbar belastbar sind.
Der Faden spinnt sich im Arsenale weiter über die goldenen Strahlen von Lygia Pape und Yona Friedmans Pappe-und-Kordel-Knäuel, die, unter der Decke angesiedelt, als Strukturmodelle für Metropolen gedacht sind. Er fädelt sich durch das Gewimmel aus Spulen und metaphorischen Objekten des jungen, aus Südafrika stammenden Moshekwa Langa bis hin zur Arbeit aus menschlichem Haar der 1957 geborenen Inderin Sheela Gowda, die bereits auf der Documenta 12 Richtschnur war. Und siehe: Was Roger M. Buergel in seinen Samtvorhängen erstickte, bringt Daniel Birnbaum jetzt richtig zur Geltung! Denn auch in Venedig ist die Moderne unsere Grabungsstätte der Erkenntnis, der Russe Pavel Pepperstein und die Slowenin Marjetica Potrcˇ erkunden dort in schlauen und witzigen Zeichnungen ihr architektonisches Potenzial für heute. Und sicher migrieren die Formen über Gattungen und Epochen hinweg, wenn Goshka Macuga mit einem um zwei Säulen geschlungenen Banner an den Ursprung des Dollarzeichens erinnert. Nur kappen die Verbindungen hier nicht Kontext und Sinn, sondern arbeiten diese heraus – und die Sache sieht deutlich lebendiger aus. Wie zum Beispiel im Palazzo delle Esposizioni die monochromen Fotografien Wolfgang Tillmans mit den einfarbigen Tableaus von Appropriation-Künstlerin Sherrie Levine und mit Blinky Palermos Monochromie korrespondieren, ist schon fast frech. Und wenn sich die vier weißen Rechtecke an der Stirnseite gar nicht als Neoformalismus, sondern als Leinwand für einen kleinen Film von Philippe Parreno erweisen, kann man getrost allen falschen Respekt erleichtert über Bord werfen und gewissermaßen „Hinein ins Vergnügen!“ sagen.
Etwa in der von Tobias Rehberger gestalteten Cafeteria, die aussieht wie eine Zebraherde aus der Sicht einer Tsetsefliege. Der Künstler, der schon immer angstfrei angewandte Künste umarmte, bestückte einen Raum aus zackigen Spiegeln, alarmierenden Op-Art-Streifen und mannshohen Punkten an den Wänden mit einem Mobiliar, das trotz Neonfarbe darin kaum auszumachen ist. Andernorts wird schwer über die bösen Mächte einer den Menschen marginalisierenden Architektur nachgedacht – aber hier fühlt es sich ganz okay an, ein verschwommenes Pixelwesen zu sein. Als bester Künstler der Ausstellung erhielt Rehberger den Goldenen Löwen.
Silber bekam Nathalie Djurberg: Ihre mutierte Pflanzenwelt aus Modelliermasse im Palazzo delle Esposizioni ist wuchernde Kulisse für suggestive Trickfilme, in denen die Figuren Verlangen, Mordlust und Verzweiflung durchleben. Hoffentlich stößt sie auf die Auszeichnung mit ihrem Soundmeister an, ohne dessen Hintergrundarbeit man sich nicht so bereitwillig dem bösen Zauber hingäbe. Vor allem im Arsenale hat die Schau auch einige Durchhänger. Seltsam pflichtschuldig wirkt die große Installation des Kameruners Pascale Marthine Tayou, der aus Bretterbuden, Dokuvideos und Abfallskulpturen ein afrikanisches Dorf gebaut hat: Stöcke im Sand und Nägel in Styropor helfen nicht über den Tellerrand der Klischees hinweg. Und dass die junge Chinesin Tian Tian Wang offensichtlich von der – eigentlich typisch männlichen – Pyromanie erfasst wurde, ist zwar interessant, doch macht das ihre Gemälde brennender Berge und Häuser nicht weniger hilflos.
Aber ganz am Ende, im neu entdeckten alten Garten hinter dem Arsenale, wird man wieder fit gemacht: In einem Geräteschuppen hängen zahllose Ringe von der Decke, Choreograf William Forsythe lädt zum Turnen ein. Die Ausstellungsmacher beziehen sich hier nicht zum ersten Mal auf Nelson Goodmans „Ways of Worldmaking“ von 1978: Es sei, sagt Goodman, frustrierend, zu fragen, was Kunst sei. Eher sollte man fragen, wann. Dann, wenn die Schriftstellerin Miranda July ihre lakonische Poesie auf Sockel schreibt, die der Betrachter nur noch durch das Besteigen ergänzen muss. Oder wenn zwei junge Typen namens Bestué/Vives in ihren Filmen so etwas wie „Jackass“ mit der Bastelschere betreiben. Und auch dann noch, wenn Tamara Grcics schwimmende Rettungsinseln von Taxifahrern zur Bootswäsche angesteuert werden. „Sieh in die Sonne, bis sie viereckig wird“, lautet eine Handlungsanweisung von 1962 von Yoko Ono am Anfang des italienischen Pavillons. Schau im Dunklen auf ein paar Elektrogeräte, die vor sich hin blinken, und stell dir das Universum vor, sagt Chu Yun mit seiner Arbeit, die am Ende des Arsenale steht. Mach die Sonne viereckig, mach dir zu Hause das Universum an. Mach’s einfach!
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