Es ist eingerichtet - Der Rundgang zur Venedig-Biennale 2009
Die Länderpavillons: In den Giardini rettet man sich vor der Küchenkatze in das Sammlerwohnzimmer und genießt danach die Vielfalt jenseits der europäischen Tellerränder umso mehr
Der Sammler ist tot, seine Leiche treibt im Pool – und die Besucher amüsieren sich köstlich. Gäbe es einen Publikumspreis bei der Biennale von Venedig, er ginge sicher an das Duo Elmgreen & Dragset und ihr „Collectors“-Projekt. Die beiden haben mithilfe einer ganzen Meute von Künstlerkollegen die nebeneinanderliegenden Pavillons von Dänemark und den nordischen Ländern in exzentrische Privatetablissements verwandelt. Schauspieler führen als falsche Immobilienmakler hindurch: Würde man ihnen eine ausreichende Summe in die Hand drücken, hätte man unter anderem ein fieses Gothic-Zimmer von Klara Lidén und einen falschen Frank Stella von der echten Elaine Sturtevant erworben und dürfte sich in Gesellschaft nackter Lustknaben vor Wolfgang Tillmans’ FKK-Fotografien in Designersesseln lümmeln.
Die detailverliebte Persiflage der Skandinavier ist ein gut kalkulierter Abstauber – die Vorlage kam vom dekadenten Kunstmarkt im Niedergang, der Lacher ist garantiert. Aber lieber eine etwas zu offensichtliche Pointe als die komplette Ratlosigkeit, die Liam Gillick im deutschen Pavillon inszeniert. Der Prozess der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Pavillons gehöre zum Werk, hieß es, der Künstler habe recherchiert, gegrübelt, das Bauhaus in Gestalt der „Frankfurter Küche“ von Margarete Schütte-Lihotzky spiele hinein, der Gegensatz zwischen Moderne und klotziger Überwältigungsarchitektur – und heraus kamen diese Küchenzeile aus (deutschem?) Tannenholz im leeren Pavillon sowie eine Plüschkatze, die Katzenweisheiten von sich gibt, die man vor lauter Echo nicht versteht.
Im letzten Moment noch hat der Künstler der Katze des Maul mit dem Erklärzettel gestopft, damit ihr elektronisches Mäulchen sich nicht mehr bewegt wie die Steiff-Tiere in den Schaufenstern von Karstadt – aber die künstlerische Insolvenz damit nicht wirklich abgewendet. Aus dem Zusammenprall zwischen zitierter Moderne und neoklassischer Architektur will diese Arbeit diskursive Funken schlagen, und bremst doch jede wirkliche Auseinandersetzung aus, weil ihr prätentiöses Understatement umstandslos in Bedeutungslosigkeit umschlägt.
Doch auch für viele andere Länderpavillons in den Giardini der Biennale ist dieser Jahrgang nicht der überzeugendste. Claude Lévêque hat für die Franzosen eine schrecklich pathetische Großmetapher aus grauen Fahnen in Stahl eingegittert, und für Großbritannien zeigt Steve McQueen einen zwar visuell virtuosen, ansonsten aber selbstverliebt einfallslosen Film über das Biennale-Gelände im Winter.
Anders die Niederlande mit Fiona Tans Filminstallationen: Ihr Projekt „Disorient“, das aktuelle Alltagsaufnahmen aus China mit dem gut 700 Jahre alten Reiseberichten des Venezianers Marco Polo und einem langsamen Schwenk durch die Wunderkammer eines alten Kolonialladens kombiniert, ist nicht nur technisch perfekt, sondern auch subtil argumentiert. Und wie originell und leicht man mit Architektur umgehen kann, beweist Roman Ondák im tschechisch-slowakischen Pavillon: Er hat das Dach entfernen lassen und das Innere mit den gleichen Büschen bepflanzt, wie sie im Garten draußen wachsen, sodass Innen und Außen plötzlich eins werden und man in einen seltsamen „Loop“ (so der Titel) zwischen Realität und Fiktion verwickelt wird.
Die USA präsentieren Bruce Nauman in einer ausgewachsenen Retrospektive, die im Pavillon in den Giardini selbst ihren konventionellsten Teil hat. Spannender ist seine neue Klanginstallation „Giorni/Days“, die in Italienisch und Englisch in zwei Universitätsgebäuden außerhalb des klassischen Biennale-Geländes zu finden ist. Nauman schickt die Besucher hier durch einen Korridor aus Klang, in dem verschiedene Stimmen an- und abschwellen, sich mischen und überlagern. Sie zählen Wochentage auf, ohne jemals bei einer kompletten Woche anzukommen: Wieder einmal inszeniert Nauman so sachlich wie eindringlich die Leerstelle, das Rätsel.
Die USA haben damit den Goldenen Löwen für den besten Pavillon gewonnen – eine sichere Wahl der Jury. Allerdings hätte Bruce Nauman vielleicht besser einen Löwen für sein Lebenswerk bekommen. Dann wäre der Preis frei gewesen für einen der vielen Pavillons außerhalb des Biennale-Geländes, die sich immer tiefer in die Stadt hineinbohren und oft mit großer Leidenschaft bespielt werden. Erst wenn man die Mauern der Giardini verlässt, sieht man wirklich die Facetten dieses einmaligen Kaleidoskops, das die Biennale mit mittlerweile 77 teilnehmenden Nationen geworden ist. Man erfährt von erdbebensicheren Bauprojekten aus Künstlerhand in Taiwan und einer nur aus sozialen Projekten bestehenden Biennale in Palästina, oder man bewundert auf Fotoserien die skulpturale Vielfalt der Bushaltestellen in den Weiten Zentralasiens.
In dem Palazzo direkt am Canal Grande, den die Isländer gemietet haben, trifft man Ragnar Kjartansson mit einer wunderbar bohemehaften Mal-, Biertrink- und Musikperformance – und sollte nicht verpassen, auch ins Obergeschoss zu schauen, denn dort beschwört Ming Wong mit einer Serie von raffinierten Filminstallationen die verlorene Filmindustrie Singapurs. Seine in Bezug auf Geschlecht und Nationalität komplett quer besetzten reenactments klassischer Filmszenen gehören zu den besten Arbeiten dieser Biennale.
Dass selbstreflexive, sich ihrer Mittel bewusste Kunst durchaus mit interessanten Inhalten einhergehen kann, beweist auch der Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate im hinteren Teil des Arsenale. Dort wird das Format des Audioguides brillant per ifliert, bevor man in Interviews die Protagonisten der arabischen Kulturoffensive mitsamt ihrer glatten Blenderrhetorik vorgeführt bekommt. Ein paar Schritte weiter dagegen stürzt die Präsentation Italiens in ihrem neuen Raum im Arsenale in geschmacklosen Neofuturismus ab. Berlusconi-Italien blamiert sich mit staatlich erzwungenen Peinlichkeiten, während die Emirate der Kunst selbstbewusst freien Lauf lassen: Da justiert sich die Landkarte der freien und weniger freien Kunst wieder ein wenig neu.
Am brutalsten aber bricht im mexikanischen Pavillon von Teresa Margolles, in einer winzigen Gasse nahe dem Markusplatz versteckt, die Realität in das touristische Idyll Venedigs ein. Über 5000 Menschen wurden im vergangenen Jahr in Mexiko von Drogenbanden erschossen, Teresa Margolles hat mit großen Tüchern das Blut von Gewaltopfern aufgenommen. Jetzt flattert der rotfleckige Stoff als Fahne draußen am Pavillon, und drinnen wischen Menschen den Boden mit einer Mischung aus Blut und Wasser: Einige haben selbst Angehörige verloren, ihre Trauer ist echt. Die Gewaltexzesse in Mexiko, so argumentiert Margolles, sind Ergebnis einer globalen Ökonomie der Drogen – Kokain ist Politik. „What Else Could We Talk About?“ heißt ihre Installation, die den Politikern ihrer Heimat nicht sehr gefallen haben soll.
„I will not make any more boring art“ hat John Baldessari, einer der Preisträger des diesjährigen Goldenen Löwen für das Lebenswerk, in großen Buchstaben an den Sitz der Biennale geschrieben. Es gibt viele Möglichkeiten, dieses Versprechen zu erfüllen. Etwas Dringliches zu sagen zu haben ist eine der besseren. Das sollten sich einige der selbstzufriedenen europäischen Kunstnationen in diesem Jahr hinter die Ohren schreiben.




