Haus der Kunst
Große Geschichten
Ai Weiwei in München

Wie damals, im Documenta-Sommer 2007: Die Zeitungen sind voll mit Ai Weiwei. Der chinesische Künstler hält sich seit einigen Wochen in Deutschland auf, um seine lang erwartete Schau am Haus der Kunst vorzubereiten, die am Samstag nun eröffnet wird. Zwischenzeitlich musste er sich in einem Münchner Krankenhaus operieren lassen – Folge eines Angriffs chinesischer Sicherheitskräfte im August. Diskutiert wurde denn auch, ob Ai Weiwei seine Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse mit ihrem Gastland China aus gesundheitlichen Gründen absagte oder ob er nicht doch von offizieller chinesischer Seite dazu gedrängt wurde. Dass der Künstler zu einer Doppeloper, die am vergangenen Wochenende in Bremen Premiere feierte, Kostüme und Bühne entwarf, ging in diesen Schlagzeilen beinahe unter.
Der letzte längere Aufenthalt des Chinesen in Deutschland war damals weitaus optimistischer eingefärbt: Mit 1001 Landsleuten reiste er vor zwei Jahren nach Kassel. Seine Völkerbegegnung war eines der meistdiskutierten Ereignisse der Documenta. Zu seiner Retrospektive in München kommt der bekannteste chinesische Konzeptkünstler nur mit 15 Personen. Das Team aus Handwerkern und Roadies plus Koch hatte einiges zu tun: Ai Weiwei bringt unter anderem einen 400 Quadratmeter großen, vier Tonnen schweren Teppich mit – der auf den vorhandenen Boden hinweist, indem er ihn verdeckt.
Denn der Untergrund im Haus der Kunst ist, auf Wunsch des Bauherren Adolf Hitler, nicht aus italienischem Marmor, sondern aus deutschem Kalkstein gemacht. Und statt für die Ewigkeit zu halten, zeigt er längst starke Abnutzungserscheinungen. Ai Weiwei ließ die Fliesen einzeln fotografieren und anschließend aus Wolle nachweben. So werden die Ausstellungsbesucher endlich sorgfältig darauf achten, worauf sie sich bewegen.
Nicht auf die deutsche, sondern auf die jüngere chinesische Geschichte bezieht sich das zweite Großprojekt. Es geht um das Erdbeben in der Provinz Sichuan im vorigen Jahr, bei dem etwa 80000 Menschen starben. Seit er das Katastrophengebiet besuchte, engagiert Ai Weiwei sich für die Opfer – und sei im Sommer nun nach eigenen Angaben dort in einem Hotelzimmer von Geheimpolizisten geschlagen worden. In seinem Weblog veröffentlichte er gegen den Willen der Regierung die Namen von 4000 Schulkindern, die umkamen, weil ihre Schulen einstürzten, wahrscheinlich wegen Pfusch am Bau. Nach München transportiert der Künstler nun auch 9000 bunte Schulrucksäcke. An der Fassade des Museums formen sie in chinesischen Schriftzeichen den Satz der Mutter eines toten Mädchens: „Sieben Jahre lang lebte sie glücklich auf dieser Welt.“
Neben diesen Neuproduktionen umfasst die Rückschau, die alle Etagen des Hauses bespielt, Werke aus Ai Weiweis Ideenfabrik seit 1998. Die 1001 Reisenden sind dann doch wieder da: als Fototapete.
Haus der Kunst, München, 12. Oktober bis 17. Januar 2010. Mehr unter www.hausderkunst.de
- Ai Weiwei (Künstlerdatenbank)
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